Skandal-Sack: Bewerbungen ungeschreddert im Müll

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In diesem blauen Müllsack befanden sich die illegal entsorgten Bewerbungsunterlagen.

Dietzenbach – Das Leben von Claudia Jäger* aus Langen lag einfach so im Müll. Zumindest ihre schulische und berufliche Laufbahn. Ordentlich zusammengeheftet in einer Bewerbungsmappe und adressiert an einen Sonderposten-Markt in Dietzenbach an der Justus-von-Liebig-Straße. Von Norman Körtge

„Ich finde es einen Skandal, dass Firmen so mit den persönlichen Daten von Menschen umgehen“, erzürnt sich ein Dietzenbacher. In den Händen hält er einen blauen Sack. Gefunden hat er ihn am Müllcontainer eines ortsansässigen Sonderposten-Marktes. Darin befinden sich neben Abfall auch 32 Mappen und Schnellhefter von Menschen aus der Region. Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz zur Einzelhandelskauffrau, als Verkäuferin, als Lager- und Transportarbeiter, als Kassiererin.

Claudia Jäger aus Langen bewarb sich Anfang des Jahres als Verkäuferin. Neben einem ausführlichen Lebenslauf mit Foto und persönlichen Daten hatte sie mehrere Arbeitszeugnisse, das Prüfungszeugnis der Industrie- und Handelskammer Darmstadt zur Einzelhandelskauffrau und das Abschlusszeugnis der Werner-Heisenberg-Berufsschule in Rüsselsheim beigefügt. „Ich bin total baff. Weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich fühle mich betrogen. Ich hätte nie gedacht, dass Firmen so mit den Unterlagen umgehen“, sagt Jäger, nachdem sie erfahren hat, wo ihre Bewerbungsmappe gelandet ist.

Ein klarer Verstoß gegen das Datenschutzgesetz


Für Ralf Menger von der Datenschutzbehörde beim Regierungspräsidium Darmstadt ist dies kein Einzelfall, sondern – wie so oft – ein klarer Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz. An ihn hat der EXTRA TIPP den blauen Müllsack übergeben. „Bewerbungsunterlagen sind genauso zu handhaben wie Personalakten,“ berichtet der Experte. Damit fällt Jägers Bewerbungsmappe unter Sicherheitsstufe drei der fünfteiligen Einstufung. Deshalb hätten die Mappen, wenn sie nicht zurückgeschickt werden, entweder in maximal zwei Millimeter breite Streifen zerschnitten oder in maximal vier Millimeter breite und fünf Millimeter lange Partikel geschreddert werden müssen.
Immer wieder werden Menger und seine Kollegen mit Zufallsfunden wie dem in Dietzenbach konfrontiert. „Es ist meist eine Mischung aus menschlicher Bequemlichkeit und Unsensibilität für die Daten“, sagt Menger: „Die Verantwortlichen würden mit ihren eigenen Daten nie so umgehen.“

Mehrere tausend Euro Strafe

Der Erklärungsversuch des Dietzenbacher Marktleiters macht die ganze Angelegenheit nicht klarer. Eine Reinigungskraft habe aus Versehen die Ablage mit den Bewerbungsunterlagen entsorgt. Dabei hätte diese die Unterlagen gar nicht zu Gesicht bekommen dürfen.

Da der Firmensitz der Marktkette in Rheinland-Pfalz ist, haben Mengers Kollegen in Mainz das Verfahren zunächst einmal übernommen. Der Darmstädter geht davon aus, dass ein Bußgeldverfahren auf die Firma zukommt. „Das können schon ein paar tausend Euro sein“, so Menger. Höchststrafe ist bis zu 300.000 Euro. Allerdings müsste dann auch ein Vorsatz nachgewiesen werden.

* Name von der Redaktion geändert

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