Immer mehr verstümmelte Bettler in Frankfurt

Neue Bettel-Masche: Ekel oder Mitleid?

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Dieser Bettler streckt sein vernarbtes Bein nach vorn, um Mitleid zu erwecken.

Frankfurt – Verbrühte Arme, verkrüppelte Knie, Beinstümpfe – die Zahl der Bettler mit Verstümmelungen auf der Zeil nimmt offenbar zu. Sie nutzen ihr Gebrechen, um Kapital daraus zu schlagen. Ob das freiwillig geschieht, weiß niemand. Von Christian Reinartz 

Verkaufsoffener Sonntag in Frankfurt vor einer Woche. Auf der Zeil zwischen Hauptwache und Konstablerwache sitzen alleine sechs Bettler mit verkrüppelten oder verunstalteten Gliedmaßen. Einer hält eine komplett blau-schwarze Hand vor sich. Ein anderer präsentiert ein skeletthaftes Bein. Nur noch von einem Brand vernarbte Haut und Knochen halten es zusammen. Hundert Meter weiter auf derselben Seite streckt ein junger Mann einen verwachsenen, schuppigen Beinstumpf den Fußgängern entgegen. Für viele Passanten ist das eklig. Aber bei vielen wird auch Mitleid geweckt. Sie schmeißen dann Kleingeld in die Bettelbecher. Und offenbar funktioniert die Masche, denn es werden augenscheinlich immer mehr.

Durch Entstellung auffallen und trotzdem zurückhaltend

Beim Ordnungsamt der Stadt hat man diesen Trend bereits registriert. Sprecher Ralph Rohr: „Wir können aber nichts dagegen machen, denn Betteln ist an sich legal.“ Eine Ausnahme sei das aggressive Betteln, wenn etwa Passanten angesprochen werden, oder sich die Bettler in den Weg setzen. „Aber gerade das machen die nicht“, sagt Rohr. „Sie scheinen genau Bescheid zu wissen, wie es läuft und bieten so keine Angriffsfläche.“ Gerade das aber nähre den Verdacht, dass es sich bei diesen Bettlern um organisierte Gruppen handelt, die gezielt versuchen Geld zu machen. Das sei dann aber Sache der Polizei.

Wer ist von der Stadt nun zuständig?

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Zwar gibt es keine belegbaren Zahlen oder Untersuchungen, dennoch sagt Rohr: „Ganz subjektiv schätze ich es auch so ein, dass es jetzt mehr sind als früher.“ Die Straßensozialarbeiter der Caritas bestätigen diese Einschätzung. „Meistens sind diese Leute aus Osteuropa“, weiß Streetworker Jürgen Mühlfeld. Er und seine Kollegen sind fast täglich auf den Straßen Frankfurts unterwegs und sprechen Obdachlose an. Auch die Bettler mit verunstalteten Gliedmaßen. „Aber da ist die Kontaktaufnahme fast unmöglich, weil sie kein Wort Deutsch sprechen.“ Versuche mit Dolmetschern seien ebenso erfolglos geblieben. Wo diese Menschen übernachten weiß er nicht. „Ich gehe erstmal davon aus, dass das Obdachlose sind.“ Allerdings hält er es für möglich, das sie bei jemanden untergekommen seien, der das Betteln steuert und am Abend auch abkassiert. Im Frankfurter Polizeipräsidium  zeigt man sich ebenfalls machtlos und schiebt die Zuständigkeit zurück ans Ordnungsamt. „Dass da kriminelle Strukturen dahinterstecken, kann wenn überhaupt nur vermutet werden“, sagt Sprecher Rüdiger Reges. „Ohne konkrete Hinweise aus der Szene, können wir jedoch nichts machen.“

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