„Belogen, betrogen, verkauft“

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Zu den Montagsdemos im Flughafenterminal kommen mehrere tausend betroffene Bürger.

Region Rhein-Main – Die Proteste gegen die neue Landebahn am Frankfurter Flughafen und den Fluglärm halten an. Der EXTRA TIPP sprach mit Sabrina Franz von der Initiative „Stoppt Fluglärm in Kelkheim“. Von Julia Renner

Die Montags-Demonstranten wurden teilweise schon als Arbeitsplatzvernichter beschimpft. Können Sie das nachvollziehen?

Die Montags-Demonstranten sind verzweifelte und wütende Bürger, die sich um ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Kinder sorgen. Die Plakate und Schilder zeigen, dass es sich hierbei nicht um eine Handvoll betroffener Städte handelt, sondern dass ein Gebiet mit einem Radius von 80 Kilometern um den Flughafen verlärmt ist. Leider greifen Politik, Fraport und Lufthansa nur zu gerne auf das Argument „Arbeitsplätze“ zurück, jedoch lassen sich die Bürger nicht weiterhin für dumm verkaufen. Der Ausbau des Flughafens hat bei weitem nicht die versprochene Anzahl von Arbeitsplätzen geschaffen. Und bei vielen „neuen“ Arbeitsplätzen handelt es sich um einen Umzug von Firmen nach Frankfurt. Dafür sind nun Menschen an anderen Orten Deutschlands arbeitslos (Beispiel der Umzug von Schenker von Mainz zum Flughafen). Die Weichen am Frankfurter Flughafen stehen auf 100 Prozent Wirtschaftlichkeit und null Prozent Schutz der Bevölkerung, nicht nur vor Fluglärm, sondern auch vor Luftverschmutzung durch den Luftverkehr. „Arbeitsplätze um jeden Preis“, hat keine Zukunft.

Die Schließung der neuen Landebahn, eine Deckelung der Flugbewegungen, ausgeweitetes Nachtflugverbot: Kann die Rhein-Main-Region das wirtschaftlich verkraften.

Momentan gibt es am Frankfurter Flughafen zirka 475.000 Flugbewegungen pro Jahr. Die Landesregierung, Fraport und die Luftverkehrsgesellschaften möchten dies in den kommenden Jahren in etwa verdoppeln. Der momentane Fluglärm ist also nur der Anfang. Die wirtschaftlichen Interessen stehen hierbei in keinem Verhältnis mehr zur Betroffenheit der Bevölkerung. Wir fordern keine Schließung des Flughafens, aber in einem sehr dicht besiedeltem Ballungsgebiet kann ein Flughafen nicht unbegrenzt wachsen. Die Frage sollte vielmehr lauten, ob das Rhein-Main-Gebiet die Konsequenzen tragen kann, die die nahezu flächendeckende Belastung von mehreren Millionen Menschen mit Fluglärm bedeuten: Verminderte Lebensqualität, Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit und der Gesundheit und eine Minderung des Privateigentums.

Fühlen Sie sich von der Landesregierung ernst genommen?

Die Landesregierung ist leider nicht bereit von ihrem Kurs abzuweichen, um die Bevölkerung besser vor Fluglärm zu schützen. Nachdem die Mediation von der Landesregierung selbst ins Leben gerufen wurde, ignoriert die Landesregierung das Mediationsergebnis und missachtet es aus fadenscheinigen Gründen. Die Bevölkerung wurde betrogen, belogen, verraten und verkauft. Ich frage mich wirklich, ob sich die verantwortlichen Politiker, die unter anderem auch im Fraport Vorstand sind, überhaupt noch daran erinnern, dass sie gewählte Volksvertreter sind. Wenn Herr Bouffier behauptet, der Flughafen sei das Herzstück Hessens, dann liegt er leider falsch. Die Menschen, die hier leben, sind das Herzstück Hessens!

Macht sich nicht langsam Resignation breit?

Im Gegenteil: Es macht sich immer mehr Wut in der Bevölkerung breit. Nicht nur auf der hessischen, sondern auch auf der rheinland-pfälzischen Seite. Die Ignoranz seitens Fraport, DFS, Politik und auch der Luftfahrtgesellschaften, allen voran Lufthansa, führt leider dazu, dass ein gemeinschaftliches Miteinander von Bewohnern und Flughafen nicht mehr möglich ist.

 

Ein wichtiger Aspekt ist der, dass einige Bürger im Taunus ihr Haus verkaufen und wegen des Lärms wegziehen wollen. Sind Ihnen auch solche Fälle bekannt?

Das hart erarbeitete und ersparte Privateigentum hat durch Fluglärm eine Wertminderung zur Folge, nur damit Fraport und Lufthansa einen Rekordjahresgewinn nach dem anderen verbuchen können. Zwar haben eine Massenflucht vor Fluglärm und ein Ausverkauf im Vordertaunus, anders als in Flörsheim und im Frankfurter Süden, noch nicht begonnen. Dies wird sich jedoch ändern, wenn die Flugzeuge im nördlichen Gegenanflug nicht mehr wie momentan ca. 2200m sondern nur noch 1500m hoch fliegen werden. Außerdem stellt sich ja die Frage, wohin man ziehen soll? Der Taunus war bis zum 10.03.2011 eines der letzten halbwegs fluglärmfreien Siedlungsgebiete. Dafür haben die Bewohner teure Immobilienpreise und Mieten in Kauf genommen. Ein Umzug wird für viele nicht möglich sein. Mir persönlich sind mehrere Fälle von jungen Akademikerfamilien bekannt, die auf Immobiliensuche im Rhein-Main-Gebiet waren, sich aber nun für einen Wegzug aus dem Großraum Rhein-Main entschieden haben, da durch die Zunahme des Fluglärms die Lebenshaltungskosten in keinem Verhältnis mehr zur geminderten Lebensqualität stehen.

 

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