Angst vor Klagen

Zu viele befristete Verträge: Lehrer arbeitslos

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So erstaunt wie die Lehrerin auf diesem Archivfoto, sind zahlreiche Lehrer in Hessen: Sie werden gar nicht mehr eingestellt.

Region Rhein-Main – Sommerferien – ein Grund zur Freude. Jedenfalls für Schüler. Für tausende Lehrer bedeutet das jedoch arbeitslos zu sein. Von Silke Gottaut

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit meldeten sich vergangene Sommerferien bundesweit 5400 Lehrer arbeitslos, weil sie befristete Verträge hatten. Schlimm genug. Doch dagegen ist das, was das Land Hessen nun macht, noch harmlos. Lehrer, die zu oft einen befristeten Vertrag hatten, können in Hessen nicht mehr unterrichten. Eine betroffene Lehrerin aus der Region berichtet.

Unfreiwilliger Abschied - Sie kann nicht mehr unterrichten

Jeden Morgen begrüßt sie ihre Schüler. Jeden Tag rechnet und schreibt sie mit ihnen. Jeden Mittag verabschiedet sie sich von ihren Schützlingen bis zum nächsten Tag. Doch in vier Wochen wird es ein Abschied für immer. Ein unfreiwilliger. Nicole Braun (Name von der Redaktion geändert) muss die Schule nach sechs Jahren verlassen. Sie muss sogar ihren Job als Lehrerin an den Nagel hängen – zumindest in Hessen. Denn sie kann hier an keiner staatlichen Schule mehr unterrichten.

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„Ich bin noch immer sehr schockiert“, sagt Braun: „Mir fehlen die Worte.“ Mit dieser Nachricht hat die studierte Lehrerin vor drei Wochen nicht gerechnet. Keiner. Sogar Schulleitung und das gesamte Kollegium sind geschockt. Wie jedes Jahr lebte Braun vor den Sommerferien in Ungewissheit: Kann sie an der Schule bleiben? Wie viele Schulstunden kann sie unterrichten? Wie lange wird ihr Vertrag gehen?

Unfassbar: Braun hatte in acht Jahren elf befristete Verträge. Davon war sie dreimal über die Sommerferien arbeitslos. Dass es solche Arbeitsverhältnisse beim Land Hessen gibt, ist schockierend, aber es kommt noch schlimmer. Denn nun wird die Lehrerin gar nicht mehr eingestellt. Grund ist ein Schreiben des Landesschulamtes von Mitte Mai. In diesem fordert es die Schulämter auf, Lehrern die zehn Jahre oder länger befristet beschäftigt sind und 13 oder mehr befristete Verträge haben, eine Entfristung des aktuellen Vertrages zu unterbreiten.

Hintergrund: Im März hatte eine Grundschullehrerin erfolgreich gegen ihre zehnjährige befristete Beschäftigung geklagt und gewonnen. Die Lehrerin muss nun unbefristet beschäftigt werden.

Ulrich Märtin, Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), erklärt, dass ab diesem Zeitpunkt – zehn Jahre oder ab 13 Verträgen – die Chance für befristet eingestellte Lehrer, einen möglichen Prozess zu gewinnen, besonders groß ist. „Deshalb will das Land Hessen offensichtlich Lehrkräften, die nahe an die zehn Jahre kommen, keine weiteren Verträge anbieten, um die ‘drohende’ unbefristete Weiterbeschäftigung zu vermeiden“, ergänzt Märtin.

Kultusministerium äußert sich nur vage

Auf Anfrage, was das zuständige Schulamt zu Brauns Situation sagt, verweist es auf das Kultusministerium. Dieses wiederum hält sich mit seinen Aussagen äußerst vage. Auf die Frage, wie vielen Lehrern sie eine Entfristung anbieten müssen, heißt es: „Die Anzahl der Fälle liegt im zweistelligen Bereich.“ Keine Antwort gibt es auf die Frage, wie viele Lehrer keinen Vertrag, wie im Falle Braun, mehr bekommen. So bleibt nur die Spekulation: Wie viel Betroffene von den 6000 Lehrkräften in Hessen mit befristeten Vertrag ab jetzt arbeitslos sind?

Seit der traurigen Nachricht fällt es Nicole Braun schwer, morgens aufzustehen. Sie ist demotiviert. Ihr fehlt die Kraft. Jahrelang hat sie sich gerne für ihre Schüler engagiert. Das soll nun alles umsonst gewesen sein. Ein Jurist der GEW prüft, wie die Erfolgsaussichten einer Entfristung ihres Arbeitsverhältnisses stehen. Die GEW fordert: „Solange die Lage nicht geklärt ist und keine Verhandlungen geführt wurden, muss eine Weiterbeschäftigung möglich sein.“ Vielleicht bleibt Brauns Traum erhalten: Weiter unterrichten. Eventuell mit einem unbefristeten Vertrag.

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