Geschrumpftes Kontingent

Gehbehinderte bekommen Sparzwang zu spüren

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Ohne fremde Hilfe geht es nicht die Rampe runter: Zum Glück hat Dosta Bauer ihre Nachbarin, die ihr zur Hand geht.

Frankfurt – Frankfurt muss den Gürtel enger schnallen. Jetzt trifft es auch den Beförderungsdienst für Gehbehinderte. Künftig stellt die Stadt nur noch 500 Euro pro Jahr zur Verfügung. Von Dirk Beutel 

Wer auf Rollstuhl oder Krücken angewiesen ist, hat es sowieso schon schwer am öffentlichen Leben teilzunehmen. Theater, Stadtbücherei, Freunde treffen – jede Fahrt wird zu einer nervenaufreibenden Odyssee. Das Problem lindern, sollte der Beförderungsdienst mit Taxen für gehbehinderte Menschen der Stadt Frankfurt. Doch die muss sparen um ihren Haushalt zu konsolidieren. Und zwar nicht zu knapp.

Im Klartext: Jeder, der am Beförderungsdienst teilnimmt, hat ab dem 1. Januar nur noch ein Kontingent von 500 Euro im Jahr. Vorher waren es bis zu 4400 Euro. Wer einen gültigen Frankfurt-Pass besitzt, für den werden jährlich 1000 Euro verbucht. Der Eigenanteil von vorher 75 Cent steigt auf einen Euro. Dafür gibt es künftig kein begrenztes Gebiet mehr. „Wir haben unsere Sparvorgaben auf verschiedene Personengruppen verteilt. Und zwar nicht nach dem Gießkannenprinzip, sondern so, dass wir es für sozial vertretbar finden. Wir tragen nichts auf dem Rücken der Schwächeren aus“, sagt Manuela Skotnik, Sprecherin des Sozialdezernats.

Aufs Abstellgleis gestellt

Das sieht Dosta Bauer ganz anders. Die 72-jährige gebürtige Bosnierin kann ihre Wohnung in Nied nicht aus eigener Kraft verlassen. Nicht mal ihren Rollstuhl kann sie alleine schieben. Doch trotz allem ist Bauer eine aktive Frau geblieben. Die neue Regelung des Beförderungsdienstes trifft sie hart: „Damit wird denjenigen, die es sowieso schon schwer haben, noch mehr Steine in den Weg gelegt. Die Stadt schiebt behinderte Menschen aufs Abstellgleis.“ Vor der Neuregelung nutzte Bauer etwa 16 Taxifahrten im Monat. Kosten pro Fahrt: Zirka 22 Euro. Mit dem neuen Kontingent könnte sie nur zwei Fahrten im Monat machen. „Wie soll das gehen? Ich muss einkaufen und besuche regelmäßig das Grab meines Mannes.“

Auch Edeltraut Opper ist von der neuen Regel betroffen, wenn auch nicht ganz so dramatisch. „Ich kann mit dem Auto fahren, wenn ich weiß, dass mein Ziel leicht und schnell zu Fuß zu erreichen ist“, sagt die Frankfurterin, die am Stadtrand in Unterliederbach wohnt. Trotzdem: Für Museen, Restaurantbesuche oder das Theater nutze Opper, die an Multipler Sklerose erkrankt ist, gern den Taxi-Beförderungsdienst. „Es ist eine wunderbare Sache am Leben teilnehmen zu können. Aber mit dieser Neuregelung wird das einigen Menschen fast unmöglich gemacht.“

Manuela Skotnik kann die Kritik nachvollziehen, verweist aber auf den öffentlichen Personennahverkehr: „Mittlerweile ist ein großer Teil des VGF barrierefrei, auch dieses Angebot kann man nutzen.“ Und sie bietet Hilfe an: „Wir helfen jedem dabei, seine rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um eine Erhöhung des Fahrdienst-Kontingents zu bekommen.“ Gerüchte, dass der Beförderungsdienst auch für Apotheken- oder Arztbesuche missbraucht wurde, kennt Skotnik. Diese Fahrten müssen die Betroffenen nämlich mit ihren Krankenkassen abrechnen. „Natürlich ist das bequemer, als immer ein Formular auszufüllen und einen Transport zu bestellen. Das hat aber nichts mit unserer Neuregelung zu tun.“

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