Bald „Public Hearing“ für Blinde?

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Viele blinde Fans kommen ins Stadion, um die Atmosphäre zu erleben. Das Geschehen auf dem Platz wird extra für sie kommentiert.

Region Rhein-Main – Ein Tor! Die Masse tobt. Hunderte Fußballfans feiern gemeinsam die Spiele der EM beim Public Viewing. Viele verbinden seit dem Sommermärchen 2006 das gemeinsame Mitfiebern als das ultimative Sporterlebnis. Wie aber erleben blinde Fußballfans die Spiele von Jogi Löws Jungs?  Von Dirk Beutel

Die meisten verfolgen die Partien am Radio“, sagt Klaus Meyer, Sprecher des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen. Ein richtiges gemeinsames Event gebe es für blinde Fans, die die Spiele der Europameisterschaft erleben wollen, nicht. Allerdings habe der Blinden- und Sehbehindertenbund in den Jahren 2010 und 2011 versucht, eine Art „Public Hearing“ für Blinde, die die Spiele der deutschen Fußballnationalmannschaft verfolgen wollen, auf die Beine zu stellen. „Das wäre sicher eine schöne Sache gewesen. Allerdings ist das für uns eine Nummer zu groß“, sagt Meyer. Denn auch der Blinden- und Sehbehindertenbund muss erst eine Lizenz von der UEFA beziehungsweise von der FIFA erwerben. Die bestätigt dies auf Nachfrage des EXTRA TIPPs: „Für sämtliche öffentliche Veranstaltungen müssen bestimmte Regeln befolgt werden. Zum Schutz der Rechte der Medien-Lizenznehmer und der Geschäftspartner der FIFA. Auch für mögliche ‘Public-Hearing’-Veranstaltungen müssen diese Regeln befolgt werden.“ Die UEFA reagierte auf die Anfrage nicht.

Aber auch vor Ort werden diverse Anforderungen gestellt: „Vorgelegte Konzepte werden der Polizei und anderen Ämtern zur Stellungnahme übersandt, die ebenfalls Anforderungen formulieren. Übliche Standards sind die Einfriedung der Fläche, ein Sicherheitsdienst für Hausrecht und Zutrittskontrolle und -beschränkung, die Bereitstellung von Sanitäranlagen, ein Rettungsdienst, und gegebenenfalls Regeln für gastronomische Leistungen (kein Glas, kein Alkohol, Anmerk. d. Red.)“, heißt es aus dem Frankfurter Ordnungsamt.

Spiel verfolgen mit Kopfhörern

Für die Spiele der Fußball-Bundesliga gibt es längst den Service, dass das Geschehen auf dem Platz extra für Blinde kommentiert wird. So wie bei Eintracht Frankfurt. In der Commerzbank Arena stehen zehn Plätze mit Kopfhörern zur Verfügung, die meist ausverkauft sind. Interne Moderatoren, die von der DFL geschult werden, erklären das Geschehen auf dem Rasen und auf den Tribünen so exakt wie möglich. „Das ist etwas völlig anderes als bei Kommentatoren im Fernsehen. Dort wird phasenweise gar nichts gesagt, oder nur der Name eines Spielers genannt“, sagt Meyer.

Aber was ist mit der Atmosphäre bei einer großen Public Viewing-Veranstaltung wie in der Commerzbank Arena? Dort gibt es zwar Behindertenplätze, allerdings kein Kopfhörer-Angebot für Blinde. „Frankfurt hat im Grunde mit dem Public Viewing in einem Stadion ideale Bedingungen, um auch blinden Fans dort einen Zugang zu bieten. Wenn sich der Veranstaltungsort etabliert, müsste man die Idee rechtzeitig anschieben“, sagt Regina Hillmann, Vorsitzende des Vereins „Sehhunde“ in Hamburg, der sich seit 1991 für die Verbesserung der Situation blinder Fussballfans in Deutschland einsetzt: „Andernorts ein ‘Public Hearing‘ zu veranstalten halte ich für eine sehr schwierige Geschichte, die allerdings seit 2006 immer wieder auf den Tisch kommt.

Meyer: „Vielleicht sind wir 2010 und 2011 zu naiv an die Sache herangegangen. Für die nächste Weltmeisterschaft werden wir wieder versuchen, ein ‘Public Hearing’ zu organisieren. Vielleicht mithilfe des Deutschen Fußballbundes. Alleine werden wir nicht ernst genommen.“

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