Autist ohne Betreuer, weil Ämter sich streiten

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Paul ist Autist und braucht einen Betreuer in der Schulzeit. Doch Sozialamt und Jugendamt schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Mutter Claudia Köhnke kann es nicht fassen.

Offenbach – Paul ist Autist. Das sorgt im Alltag des Zehnjährigen für Probleme. Er braucht einen Betreuer, der im Klassenraum neben ihm sitzt. Vier Jahre geht alles gut. Bis das Sozialamt sich für die Finanzierung nicht mehr zuständig erklärt und an das Jugendamt übergibt. Von Christian Reinartz

Was folgt ist eine gegenseitige Zuweisung der Verantwortung der Ämter. Mittlerweile ist seit vier Wochen wieder Schule. Und Paul hat immer noch keinen Betreuer.

Paul ist nicht wie die anderen Kinder. Der Junge ist zwar intelligent. Aber wenn er spricht, fehlt jede Betonung. Fast wie ein kleiner Roboter. Paul ist Autist, hat das Asperger-Syndrom, eine Entwicklungsstörung. Er kann nicht wie normale Kinder kommunizieren, weil er die nonverbalen Signale, die die meisten Menschen aussenden, nicht intuitiv versteht. Und auch er selbst sendet sie nicht aus. Eben wie ein Roboter.

Paul ist völlig verloren

Und weil ihn das im Schulalltag einschränkt und die normale Teilnahme am Unterricht unmöglich macht, wird Paul seit vier Jahren von einem sogenannten Integrationshelfer betreut, der ihn zur Schule begleitet und ihm hilft, so gut es geht die Schulzeit zu bewältigen. „Ohne diese Hilfe ist Paul völlig verloren“, sagt Mutter Claudia Köhnke. Trotzdem lässt die Stadt Offenbach Paul seit vier Wochen ohne Integrationshelfer die Schule besuchen. Weil sich das Sozialamt und das Jugendamt die Verantwortung für die Finanzierung zuschieben.

Alles habe angefangen, als man Claudia Köhnke bei einem Gesprächstermin im Sozialamt im Sommer mitteilte, dass zukünftig das Jugendamt für Pauls Integrationshelfer zuständig sei. „Die haben gesagt, dass das nur eine Formalität sei“, sagt Claudia Köhnke, die gerade eine Ausbildung zur Erzieherin macht. Also wendet sich die Mutter an das Jugendamt und bittet um die weitere Bewilligung des Betreuers. „Aber die haben von mir ein weiteres ausführlicheres psychologisches Gutachten gefordert“, sagt Köhnke. Das nimmt die verzweifelte Mutter in Kauf. Zahlt aus eigener Tasche einen Teil des Gutachtens. „Ich wollte halt, dass mein Sohn zum Schulbeginn der fünften Klasse, gleich einen Betreuer hat.“ Aber selbst das habe dem Jugendamt nicht genügt. „Auch als ich denen gesagt habe, dass Paul nicht mehr zum Unterricht gehen kann, ohne Betreuer, haben die nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, sie müssten das prüfen.“

Der Verwaltungsknoten löst sich

Die Mutter fühlt sich zwischen den Mühlsteinen von Jugend- und Sozialamt zerrieben, hat keine Kraft mehr. In ihrer Not wendet sie sich an den EXTRA TIPP. Der hakt bei der Stadt nach und auf einmal löst sich der Verwaltungsknoten. Jugendamtschef Hermann Dorenburg beteuert zwar: „Der Fall liegt überhaupt nicht in unserer Verantwortung.“ Kein Wort darüber, warum Claudia Köhnke wochenlang mit dem Jugendamt verhandelt hat.

Aufklärung schafft aber Sozialamtsleiter Hans-Günter Neidel. Körperlich behinderte Kinder sind dem Sozialamt zugeordnet, seelisch behinderte dem Jugendamt. Zwar lägen Gutachten vor, die Pauls Autismus als seelische Behinderung einstuften, allerdings fehlte noch die Bestätigung, dass das von Dauer sei. „Deswegen haben diese dem Jugendamt offenbar nicht gereicht“, sagt Hans-Günther Neidel.

Um Paul nun endlich wieder den Schulbesuch zu ermöglichen, ist kurzerhand das Sozialamt in die Bresche gesprungen. „Wir haben das der Mutter heute mitgeteilt.“ Allerdings betont Neidel, dass das nur geschehen sei, um Paul weiterhin den Schulbesuch zu ermöglichen. Er rechne damit, dass das Jugendamt bis dahin die benötigten Unterlagen zusammen hat.

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