Alle Ausfälle, alle Kosten

Sitzen gelassen: So war das Streik-Jahr 2014

+

Region Rhein-Main – Zwölf Tage wurde der Bahnverkehr lahmgelegt, über 6500 Flüge fielen aus: Im Jahr 2014 streikten die Gewerkschaften GDL, Verdi, EVG, die Vereinigung Cockpit und die IG Metall – laut Streik- Befürworter nicht außergewöhnlich häufig. Von Angelika Pöppel 

Erst war es das Sicherheitspersonal am Frankfurter Flughafen, dann die Piloten, daraufhin folgten die Lokführer und ihnen schlossen sich Deutsche Bahn-Mitarbeiter an. Alle legten in diesem Jahr zeitweise ihre Arbeit nieder. Millionen Menschen waren davon betroffen.

Insgesamt fielen über 6500 Flüge an deutschen Flughäfen aus. Denn die Vereinigung Cockpit rief nach gescheiterten Verhandlungen mit der Lufthansa im April, im August, im September, im Oktober und aktuell Anfang Dezember zum Streik auf. Nicht nur, dass Reisende auch in Frankfurt auf ihren Koffern sitzen blieben, der Lufthansa Group entstand durch die Streiks ein Schaden von 170 Millionen Euro – Stand Ende September. Die Piloten streiken allerdings nicht für höhere Gehälter, sondern für eine Übergangsversorgung ab dem 55. Lebensjahr, wenn sie aus dem aktiven Flugdienst ausscheiden. Grund dafür sei die hohe Belastungen des Berufs wegen Zeitverschiebungen, Nachtflügen und Extremschichtdienstes.

Über 170 Millionen Euro Schaden bei Lufthansa

Anfang des Jahres folgten private Sicherheitsleute dem Streik-Aufruf von Verdi, um einen Einheitsstundenlohn von 16 Euro zu erhalten. Durch die Ausfälle musste auch die Fraport an Umsatz einbüßen. „Im Schnitt befindet sich der Schaden an einem Streik-Tag im niedrigen einstelligen Millionenbereich“, sagt Fraport-Sprecher Christopher Holschier. Das Passagieraufkommen hat ebenfalls eingebüßt: Bis Oktober belief sich das Wachstum auf drei Prozent – „es hätten vier Prozent sein können“, glaubt Holschier.

Zweite große Tarif-Baustelle ist die Deutsche Bahn. Auf das Jahr verteilt, legten Streiks an zwölf Tagen den Bahnverkehr lahm. Einen finanziellen Schaden will das Unternehmen aber nicht beziffern. Die Mitglieder der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) demonstrierten im September, dreimal im Oktober und im November. Die Streik-Häufigkeit sei nicht außergewöhnlich hoch, sagt Verdi-Geschäftsführer Rhein-Main Alexander Klein in Frankfurt. „Das ist das normale Geschäft und Arbeitskämpfe gehören zu Tarifverhandlungen einfach dazu.“

Mehr Streiks als im vergangenen Jahr

Der Automobilclub Mobil in Deutschland spricht dagegen vielen Berufspendlern, Urlaubsreisenden und Tagesausflügler aus der Seele: „Auch wenn Streikrecht im Grundgesetz verankert ist, darf eine solche Situation, wie man sie momentan in Deutschland erlebt, kein Dauerzustand sein“, sagt Präsident Michael Haberland.

Auch Verdi-Geschäftsführer Klein gibt zu: „Die Anzahl der Streik-Tage hat sich sicherlich im Vergleich zu vergangenen Jahren erhöht. In anderen europäischen Ländern wird aber immer noch viel mehr gestreikt.“ Auch die Gewerkschaft Verdi forderte in diesem Jahr ihre Mitglieder im Rhein-Main-Gebiet mehrmals zum Arbeitskampf auf: Neben dem Sicherheitspersonal am Frankfurter Flughafen, auch Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes im Frühjahr und im Juni Bankbeschäftigte in Frankfurt. Erst am Freitag blieben rund 90.000 Paketsendungen aus Hessen länger liegen, weil Angestellte der Paketzentren Kassel und Frankfurt sowie Rüsselsheim die hohe Zahl befristeter Arbeitsverträge kritisierten.

Auch dem Streik-Aufruf der IG Metall folgten im Mai die Mitarbeiter von Mersen Deutschland in Frankfurt-Kalbach. Weil die Produktion verlagert werden sollte, gingen die Angestellten für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Straße. Eine Woche lang wurde gestreikt.

Ende der Arbeitskämpfe nicht in Sicht

Und auch am Ende des Jahres ist ein Ende der Arbeitskämpfe nicht sicher. „Bei der Deutschen Bahn laufen die Verhandlungen der GDL und der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) noch“, sagt eine DB-Sprecherin. Streiks seien laut GDL nach aktuellen Verhandlungen nicht ausgeschlossen. Laut EVG-Verhandlungsführerin Regina Rusch-Ziemba solle es erstmal bis zur nächsten Verhandlungsrunde am 12. Dezember keine weiteren Streiks geben. Die EVG fordert für ihre 100.000 Mitglieder sechs Prozent mehr Lohn, mindestens aber 150 Euro mehr im Monat. Die GDL verlangt fünf Prozent mehr Lohn, 37 statt 39 Stunden Wochenarbeitszeit sowie bessere Schichtpläne.

Am 19. Dezember kommen zusätzlich die Beschäftigten des Blutplasmaspende-Dienstes „Plasma Service Europe GmbH“ zu einem bundesweiten Warnstreik in Offenbach zusammen. Die rund 250 Arbeitnehmer fordern die Aufnahme von Tarifgesprächen ihres Arbeitgebers mit der Industriegewerkschaft BCE.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare