Über 100 Langener Mieter sitzen in einem 18-stöckigen Wohnblock fest

Aufzug-Frust im Hochhaus

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Zwangslauf durchs Treppenhaus: Serdar Göceri nimmt täglich die Treppen, um zur Wohnung im achten Stock zu gelangen. Auch seinen Sohn Engin freut das nicht.

Langen – Wer in einem Hochhaus lebt, für den ist der Fahrstuhl besonders wichtig. Auch den über 100 Mietern des Wohnblocks in der Dieburger Straße 1 würde ein Aufzug den Alltag erleichtern. Doch seit zwei Monaten sind beide Lifte defekt. Eine Reparatur ist nicht in Sicht. Stattdessen müssen die Bewohner täglich viele Treppen steigen, ihren Tag genau planen oder gleich in ihrer Wohnung bleiben. Von Andreas Einbock

Hart knallt die verbeulte Eingangstür zu. Das Elektronikschloss ist defekt. Genauso wie die beiden Fahrstühle, die sich am Ende des dunklen Eingangs befinden. Über eine Flügeltür gelangt man zur einzigen Option nach oben: Dem Treppenhaus. Seit Mitte November kommen die Bewohner nur noch darüber in ihre Wohnung. Der zugige und kalte Treppengang ist ungewollt zum Ort der Begegnung geworden. So auch für Serdar Göceri. Der 30-jährige Langener wohnt seit seiner Geburt in diesem Haus, in dem auch seine Eltern leben. Erst vor gut einem Jahr hat er für seine junge Familie eine eigene Wohnung gekauft: „Das bereue ich jetzt.“ Der Angestellte einer Klinikküche kauft nur noch das Nötigste, weil er alles über die Treppen schleppen muss.

Doch das ist nicht das einzige Problem im Haus: „Einmal fiel die Heizung bei uns aus, dann im ganzen Haus. Die Flure und Treppen werden nicht mehr gewischt“, schimpft Göceri und vermutet: „Das liegt alles an den Verwaltern. Ständig kommen Neue, die alle nur abkassieren wollen.“ Nun zieht er Konsequenzen. „Am nächsten Freitag müssten wir die Nebenkosten zahlen. Die werden wir jetzt aber streichen.“

Das hat Akif Yurtsever bereits im Dezember getan. Der 68-jährige Rentner schnauft mit einer Packung Datteln, drei Tomaten, einer Gurke und einem Brot die letzte Stufe zu seiner Eigentumswohnung im achten Stock hin auf. „Mehr kann ich nicht schleppen“, sagt er und schimpft auf die Hausverwaltung: „Die machen die Leute hier kaputt. Dreimal war der Krankenwagen schon hier und musste mit der Trage mühsam durchs Treppenhaus.“ Seit 1996 lebt er im Hochhaus, das er zusehends verfallen sieht. „Alles ist kaputt und verdreckt. Im Hof wird der Müll nicht weggeräumt. Bis sich das nicht bessert, zahle ich keine Nebenkosten“, sagt Yurtsever, der aber noch nicht an einen Auszug denkt.

Den hat Antonia Delima Pereira Ernst schon im Visier. Die gebürtige Brasilianerin lebt seit einem Jahr im Hochhaus. Als Asthmatikerin kämpft sich die 34-Jährige täglich bis in den zwölften Stock: „Drei- bis viermal muss ich schon Pause machen. Aber wie ergeht es dann erst den älteren Mietern im Haus?“ Für die Hartz-VI-Empfängerin bringt ein möglicher Auszug allerdings gleich zwei Probleme. „Auf dem Wohnungsmarkt hält keiner eine Wohnung drei Monate zurück. Ich müsste also sofort zusagen und umziehen. Das Amt würde aber nicht zwei Mieten gleichzeitig übernehmen, erklärt Ernst und ergänzt: „Und wie soll ich von hier oben den Umzug schaffen ohne Aufzug?“

Wie alle anderen Mieter und Eigentümer im Haus erhielt auch sie vier Mitteilungen der Hausverwaltung: Zunächst wurde von Sabotage gesprochen, dann der TÜV für die Probleme an den Aufzüge verantwortlich gemacht. Für Ernst sind das alles Ablenkungsmanöver, denn für sie steht fest: „Die wollen die Leute rausekeln, damit sie das ganz Hause verkaufen können.“

Diese Vermutung bestätigte einer der drei Gesellschafter der Wohneigentümergesellschaft nicht. Allerdings gebe es erhebliche Unregelmäßigkeiten und Altschulden von über einer Million Euro, die überwiegend von den 16 Ladeneinheiten des Hochhauses stammen, sagte er dem EXTRA TIPP. Obwohl der Geschäftsführer vom Sanierungsbedarf der Aufzüge gewusst habe, sei eine Sanierung bewusst nicht in Auftrag gegeben worden.

Den Bewohnern des Hauses nützt dies wenig. Sie müssen nach wie vor viele Stufen steigen.

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