Trotz Protest: Mehrheit bezieht Atomstrom

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Bürger protestieren in Offenbach gegen Atomenergie.

Frankfurt – Die Atom-Katastrophe in Fukushima hat die Menschen in Deutschland aufgerüttelt – sollte man denken. Obwohl die Mehrheit einen Atomausstieg fordert, wagen die wenigsten den Schritt zum Stromwechsel. Von Angelika Pöppel

„Wenn viele Leute zum Ökostrom wechseln, werden andere Formen der Energiegewinnung vom Markt verdrängt“, sagt Frank Senger von der Frankfurter Mainova. So könne auch die Atomenergie verschwinden. Laut einer Umfrage von Konkret Marktforschung wünscht sich jeder fünfte Befragte den sofortigen Atomausstieg. Nur sechs Prozent halten an einer dauerhaften Nutzung der Atomkraft fest. Dennoch bezieht die Mehrheit Atomstrom.

Von 360.000 Stromkunden bei der Mainova, nur 11.000 Öko-Kunden

Mainova Frankfurt

Vier-Personen-Haushalt (4500 kWh):

„Strom Smart“: 1065, 40Euro „NovaNatur“: 1054,60 Euro

(mit Neukundenbonus)

Single-Haushalt (1600 kWh):

„Strom Smart“: 423,92 Euro „NovaNatur“: 388,76 Euro

(mit Neukundenbonus)

Bei der Mainova in Frankfurt sei, laut Senger, die Nachfrage nach Ökostrom zwar um das Fünffache gestiegen, doch die „grünen“ Kunden machen nur einen winzigen Anteil aus: Von 360.000 Stromkunden beziehen nur 11.000 die grüne Alternative. Und das, obwohl der Preis identisch ist: Eine Kilowattstunde kostet im Klassik-Tarif 22,69 Cent und der ökologische NovaNatur-Tarif keinen Cent mehr. Neukunden können sogar 50 Euro sparen. Günstiger ist lediglich der Strom-Direkt-Tarif, der aber eine Laufzeit von zwölf Monaten hat.

Bei der EVO in Offenbach 24.000 Öko-Kunden

EVO Offenbach

Vier-Personen-Haushalt (4500 kWh):

„EVO clever“: 1099,02 Euro „EVO Futura“: 1115,09 Euro

Single Haushalt (1600 kWh):

„EVO clever“: 433,33 Euro „EVO Futura“: 439,04 Euro

Auch in Offenbach ist die Bilanz schlecht: Bei der Energieversorgung Offenbach (EVO) beziehen rund 126.000 Kunden Atomstrom und nur 24.000 Ökostrom aus 100 Prozent Wasserkraft. Dabei zahlt eine vierköpfige Familie mit einem Durchschnittsverbrauch von 4500 Kilowattstunden nur rund 16 Euro im Jahr mehr für den grünen Strom. In einem Singlehaushalt liegt der Unterschied sogar nur bei rund sechs Euro. Doch auch in Offenbach sei die Nachfrage gestiegen, sagt Martin Ochs von der EVO.

Energieversorger Entega in Darmstadt bietet keinen Atomstrom mehr an

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Der Energieversorger Entega in Darmstadt ist bereits 2008 aus der Atomenergie ausgestiegen. Der Naturstrom wird durch Wasser, Wind, Biomasse und Sonnenenergie erzeugt. Auch Kunden des Basis-Tarifs beziehen keinen Atomstrom mehr. Von 600.000 Stromkunden entschieden sich 400.000 für Öko und 200.000 für den Basis-Tarif mit Erdgas als Energiequelle. „Erdgas ist auch relativ sauber, besser als Kohle“, sagt Gert Blumstock von Entega. Der Stromversorger investiere bis 2015 über eine Milliarde Euro in den Ausbau ökologischer Anlagen.„Wenn die Nachfrage steige, könne auch mehr in ökologische Stromerzeuger investiert werden“, sagt Frank Senger von der Frankfurter Mainova. Somit kann jeder Bürger, der für die Abschaltung der Atomkraftwerke ist, nicht nur auf die Straße gehen, sondern auch selbst den Markt beeinflussen – mit einem Wechsel.

Ochs von der EVO ist überzeugt: „Die Kunden haben die Macht, etwas zu verändern.“

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