Aus Angst Wählerstimmen zu verlieren

Unfälle mit Senioren steigen - ADAC fordert Beratung beim Arzt

+
Die Beteiligung von Senioren an Verkehrsunfällen steigt.
  • schließen

Region Rhein-Main – Auch, wenn viele Senioren es am liebsten wegreden: Die Zahl älterer Menschen, die in Unfälle im Straßenverkehr verwickelt sind, steigt. Und die Polizei ist sicher: Das ist nur der Anfang. Der ADAC fordert jetzt regelmäßige Vorsorge-Gespräche beim Arzt. Von Christian Reinartz

Es sind nicht etwa mehr Drogenkonsumenten oder Betrunkene an den meisten Unfällen beteiligt. Mittlerweile sind es die Senioren. „Und das wird in Zukunft noch weiter steigen“, sagt Hans Knapp, Leiter der Polizeidirektion Main-Kinzig. Er ist sicher: „Diese Gruppe wird uns in Zukunft am meisten beschäftigen.“

Hier geht´s zum Kommentar:

"Höchste Zeit für Regelung"

In seinem Kreis ist die Zahl der älteren Unfallverursacher regelrecht explodiert. 2014 stieg die Zahl der Unfälle, an denen über 65-Jährige beteiligt waren, um gut zwölf Prozent auf 901 an. Der Anteil der über 75-Jährigen daran stieg gar um 30 Prozent.

Laut Polizei sei diese Entwicklung in der Tendenz überall zu verzeichnen. Südhessen kommt auf sechs Prozent Zuwachs. Der Main-Taunus-Kreis auf knapp drei Prozent und Frankfurt bei den über 65-Jährigen auf über vier Prozent. Bei den über 75-Jährigen ist auch dort die Zahl sprunghaft gestiegen: Um 13 Prozent.

„Grund ist aber nicht nur, dass der Anteil der älteren Menschen an der Bevölkerung immer größer wird“, stellt Knapp klar. „Es sind auch die veränderten Lebensumstände, die für eine immer höhere Mobilität bis ins hohe Alter sorgen.“ So führe die immer bessere medizinische Versorgung und der gesamte Lebenswandel dazu, dass Mobilität für Senioren einen immer höheren Stellenwert einnimmt.

Senioren wollen mobiler sein

Lesen Sie auch:

Alte Menschen werden immer ärmer

ADAC-Verkehrsexperte Wolfgang Herda bestätigt die Einschätzung der Polizei. „Die Senioren von heute sind immer agiler und nehmen immer aktiver am gesellschaftlichen Leben teil.“ Deswegen steige auch das Bedürfnis nach Mobilität. „Die Senioren fühlen sich heute viel jünger, als das früher der Fall war“, erklärt Herda. Das berge aber auch Gefahren. „Denn ihre Wahrnehmung und Reaktionsfähigkeit ist trotzdem die eines älteren Menschen.“ Das Problem: Das Thema ist extrem sensibel. Werden Senioren damit konfrontiert das Autofahren aufzugeben, schalten viele auf stur, werden aggressiv und wollen nicht einsehen, dass sie mitunter eine Gefahr für die übrigen Verkehrsteilnehmer darstellen.

Deshalb scheint sich keiner so recht an das Thema „Fahrtauglichkeitskontrollen für Senioren“ heran zu trauen. Zu groß ist offenbar die Furcht vor Gegenwind aus der Senioren-Ecke. „Die großen Parteien würden das nicht im Traum auf die politische Tagesordnung bringen“, verrät ein verkehrspolitischer Insider aus der Landeshauptstadt Wiesbaden. „Weil ihnen dann ja die ganzen Senioren weglaufen würden. Davor haben doch alle Angst. Deswegen fasst dieses heiße Eisen niemand an.“ Immerhin der ADAC bezieht klar Stellung und fordert nun eine regelmäßige ärztliche Beratung von Senioren, wenn sie am Straßenverkehr teilnehmen. Herda erklärt: „Einen Test, mit dem man verlässlich die Fahrtauglichkeit feststellen kann, gibt es bisher nicht.“ Die Gruppe der Senioren sei schlichtweg zu vielfältig.

ADAC fordert Vorsorge-Gespräch beim Hausarzt

Viel sinnvoller als ein Test sei laut Herda aber eine Mobilitätsberatung beim Hausarzt. „Diesen müssen wir dabei mehr in die Verantwortung nehmen“, fordert der Verkehrsexperte. Die Mediziner wüssten am besten, welche Krankheiten und welche Medikamente etwa die Fahrtauglichkeit ihrer Patienten einschränken könnten. „Diese Mobilitätssberatung müsste dann genauso Teil der freiwilligen Vorsorgeuntersuchungen werden, wie etwa die Krebsvorsorge auch.“ Die Kosten dafür sollten die Krankenkasse übernehmen.

Eine Forderung, mit der sich auch der Deutsche Seniorenring anfreunden kann. „Einen Zwang wollen wir nicht“, sagt Geschäftsführer Harald Beez. „Aber ein solches Vorsorgegespräch, wie der ADAC es fordert, finden wir sinnvoll.“ Und er geht noch weiter: „Wenn ein Arzt objektiv feststellt, dass jemand aus medizinischer Sicht nicht mehr fahrtüchtig ist, dann sollte er das auch den Behörden melden müssen.“

Mehr zum Thema

Christian Reinartz

Christian Reinartz

E-Mail:christian.reinartz@extratipp.com

Kommentare