Seelische Probleme nach Prügelattacke / Viele wollen in den Innendienst

Angst vor Prügel lähmt immer mehr Polizisten

Vor allem betrunkene Ehemänner prügeln oft auf Polizisten ein.

Region Rhein-Main – Polizisten leben mit der Angst im Nacken. Der Angst, im Dienst angegriffen zu werden. Und sie wird größer. Denn immer öfter prügeln scheinbar harmlose Menschen völlig unvermittelt auf die Polizisten ein. Die größte Gefahr auf Streife: Betrunkene Ehemänner. Von Christian Reinartz

Wenn der Einsatzbefehl über den Äther kommt, hält Polizeikommissar Andreas Z. jedes Mal die Luft an. Bei einem solchen Einsatz ist er vor zwei Jahren verprügelt worden. Von einem „unbescholtenen“ Familienvater der seine Frau vor die Tür gesetzt hatte. Z. wird diesen Moment nie vergessen. Wie aus einer vermeintlich ungefährlichen Situation in Sekundenbruchteilen bitterer Ernst wurde. Z.‘s Geschichte ist aber nur eine von zahlreichen, in denen die Ordnungshüter Opfer von Prügelattacken im Rhein-Main-Gebiet werden.

„Es wird für die Kollegen da draußen immer härter!“ Polizeipfarrer Wolfgang Hinz kennt solche Fälle. Oft vertrauen sich ihm Polizisten aus Offenbach, Frankfurt und der Region an. Hinz: „Die stehen unter einer enormen psychologischen Belastung, weil sie bei jedem Einsatz damit rechnen müssen, nicht mehr heil nach Hause zu kommen.“

Zu Recht. Die Angriffe haben in den letzten Jahren rasant zugenommen. Mittlerweile ist Gewalt gegen die Ordnungshüter an der Tagesordnung. In Zahlen: 60 Prozent mehr Schwerverletzte als noch 2005. Belegt wird das durch eine länderübergreifende Studie aus Niedersachsen. Hessen hat zwar nicht teilgenommen. Viel besser sehe es aber nicht aus, meint Thorsten Neels, Pressesprecher des hessischen Innenministeriums.

Frankfurt und Offenbach gelten als Brennpunkte

Bernd Kuske-Schmittinger, Geschäftsführer der Gewerkschaft der Polizei in Hessen wird deutlicher: „Frankfurt und Offenbach sind mittlerweile durchaus ein Brennpunkt.“ Der Respekt vor der Uniform sei bei vielen Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen so gut wie nicht mehr vorhanden. Ihm seien sogar Fälle bekannt, bei der sich Jugendgruppen verabredet hätten, um auf Polizisten einzuprügeln. Richtig gefährlich wird‘s bei Gewalt im häuslichen Bereich. Vor allem betrunkene Ehemänner stellen, laut Polizei, eine große Gefahr dar. Die Täter stehen unter emotionalem Druck und sind aggressiv. Für die Streife vor Ort seien diese Situationen kaum durchschaubar.

Eskaliert die Lage, zieht das oft eine Dienstunfähigkeit der betroffenen Polizisten nach sich. Noch schlimmer seien die seelischen Folgen. „Die steigende Zahl derer, die in den Innendienst wollen, belegen das“, argumentiert Kuske-Schmittinger. Das liege daran, dass Polizisten immer häufiger gefährliche Einsätze fahren sollten. Doch zugeben wolle das im Ministerium niemand, denn das würde bestätigen, dass die Polizei zu wenige Leute hat und überlastet ist. „Viele sind frustriert und kommen sich allmählich wie die Deppen vor“, verrät er: „Weil sogar die eigenen Polizeichefs die Situation aus politischen Gründen schönreden.“

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