Was muss denn noch alles passieren?

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Claudia Brunner zeigt in die Richtung, aus der ihr Nachbar auf sie und ihre Familie losging.

Dietzenbach – Weil sie von einem Nachbarn mit sieben Messern angegriffen wurde, lebt Familie Brunner in ihren eigenen vier Wänden in Angst. Nach seiner kurzzeitigen Festnahme ist der Täter von nebenan nun wieder zu Hause in Dietzenbach. Von Dirk Beutel

Es ist der pure Alptraum. So unwirklich wie ein Horrorfilm. Familie Brunner sitzt in ihrem Gartem beim Grillen, als plötzlich ihr Nachbar laut in der Gegend herumschreit. Auf das Bitten hin, leiser zu sein, eskaliert die Situation: Der Nachbar springt über den Gartenzaun.

Mit sieben großen Küchenmessern greift der 54-Jährige die Familie an und droht sie umzubringen. In letzter Sekunde können sie in Todesangst ins Haus flüchten und die Balkontür hinter sich zuziehen, an der der 54-Jährige weiter ausrastet und immer wieder Bedrohungen und Beleidigungen brüllt. Solange, bis die Polizei ihn überwältigt und vorläufig festnimmt. Das war vor drei Wochen.

Für die Beamten ist der Messer-Mann kein Unbekannter. Denn schon zwei Wochen zuvor stürmte er mit einem Messer in der Hand aus seiner Wohnung und griff schreiend einen Bauarbeiter an. Der konnte trotz aller Überraschung seinen Angreifer entwaffnen und sich auf der Baustelle verstecken. Der Mann wurde wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung angezeigt. In beiden Fällen war der Dietzenbacher, der mittlerweile wieder zu Hause wohnt, stark alkoholisiert.

Nach Angaben des Amtsgerichts wird das Verfahren gegen den Mann noch bearbeitet. Bislang seien noch nicht alle nötigen Akten beisammen, um etwa ein psychologisches Gutachten anzufordern. Nur eine Anzeige wegen Bedrohung liege auf dem Tisch der Staatsanwaltschaft, sagt die Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Offenbach, Annette von Schmiedeberg.

Richterlicher Beschluss hilft nicht gegen die Angst

Während die Mühlen der Justiz langsam vor sich hin mahlen, müssen die Brunners in Angst ihren Alltag bewältigen: „Wir fühlen uns zu Hause nicht mehr sicher“, sagt Claudia Brunner: „Wir können diesen Angriff gegen uns nicht so einfach vergessen. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht über den Vorfall reden.“

Aus ihren Köpfen können die Brunners diesen Tag nur sehr schwer bannen. Doch zumindest soll sich etwas Ähnliches nicht mehr wiederholen, deshalb haben sie versucht, eine einstweilige Verfügung auf den Weg zu bringen. „Das hat uns auch die Polizei geraten“, sagt Claudia Brunner. Denn die kann bislang nicht viel unternehmen, um die Familie zu schützen. Doch auch aus der Verfügung wurde nichts, weil der Mann den Abstand von zehn Metern gar nicht einhalten könne. Um dennoch nicht noch einmal solch ein Horror-Szenario durchleben zu müssen, haben die Brunners wenigstens einen richterlichen Beschluss in der Hand, wonach der Nachbar keinen Fuß auf das Grundstück setzen dürfe. Damit sei der Fall vorerst erledigt.

Nicht für Familie Brunner, die verängstigt zurückbleibt und mit dem Mann, der sie umbringen wollte, Tür an Tür lebt: „Es ist und bleibt nur ein Stück Papier. Wenn er uns wieder angreift, hält ihn das auch nicht auf.“ Auch wenn es für die Justiz ganz andere rechtliche Voraussetzungen schafft, sicherer fühlen sich die Brunners dadurch dennoch nicht: „Warum muss erst wieder etwas passieren? Muss erst jemand zu Schaden kommen? Der Mann ist unberechenbar. Eine Zeitbombe.“

Doch nicht nur die Brunners, auch andere Nachbarn fühlen sich unbehaglich. „Man fragt sich ständig: Was kommt als Nächstes“, sagt Alexandra Mohr. Sie hat die Attacke gegen den Baustellenarbeiter miterlebt – wohnt direkt daneben. Seither ist sie „extrem auf der Hut“. „Auch uns ist mulmig zumute. Es ist eine Mischung aus Wachsamkeit und Angst in die wir versuchen, unseren Alltag reinzubringen.“

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