Obwohl es ihm schon besser geht

ADHS: Schüler soll Psychopharmaka gegen seinen Willen einnehmen

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Keine Spur von Aggressivität: Luca unterhält sich mit seiner Mutter, während sie ihm ein Brot schmiert.

Egelsbach – Der neunjährige Luca ist Autist und leidet an ADHS. Laut einem Gutachten soll er starke Medikamente einnehmen. Doch die Mutter weigert sich. Nun liegt der Fall vor dem Familiengericht. Das Sorgerecht steht auf dem Spiel. Luca könnte dann zwangsmedikamentiert werden. Von Christian Reinartz

Auf einer Art Skateboard kommt Luca in die Küche gefahren. Aufmerksam blitzen seine Augen, er sagt ordentlich guten Tag. Fragt Fragen, die jedes aufgeweckt Kind in seinem Alter fragen würde. Dennoch ist Luca anders als die anderen. Er ist Autist. Das steht auf den 39 Seiten eines Gutachtens aus dem Oktober des vergangenen Jahres. Ebenso leidet er an ADHS, einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Für die Mutter ist diese Diagnose eine Bestätigung dessen, was sie schon länger vermutet hatte. „Ich habe schon früh gemerkt, dass Luca in bestimmten Dingen einfach anders tickt“, sagt Beate Bartl. „Aber das ist doch noch lange kein Grund, meinen Sohn mit starken Medikamenten ruhig stellen zu wollen.“ Tatsächlich wird im Gutachten offenbar die Einnahme von Methylphenidat (Ritalin) und Risperidon empfohlen. Während das erste Medikament zwar umstritten, aber weit verbreitet ist, handelt es sich bei Risperidon um einen echten Hammer, der Luca runterkühlen soll. Der steht aber in der Kritik, da immer häufiger junge Menschen diese chemische Keule mal eben verordnet bekommen. Die Folge: Ihr wildes Verhalten wird gedämpft, was sie aufnahmefähiger in der Schule machen soll. Für Beate Bartl keine Lösung. „Ich lass mein Kind doch nicht mit Medikamenten runterdämpfen, nur weil die das für besser halten.“

Mutter könnte medizinisches Sorgerecht entzogen werden

Zu dem Verfahren und dem Gutachten war es nur gekommen, „weil der Junge nicht beschult werden konnte“, heißt es beim zuständigen Kreis Offenbach. Folgen die Richter dem medizinischen Gutachten, könnte Bartl zumindest das Sorgerecht in medizinischer Hinsicht entzogen werden. Luca würde dann gegen den Willen seiner Mutter die Medikamente zwangsweise bekommen.

Für die Mutter eine unvorstellbare Situation: „Das ist grausam“, sagt sie verzweifelt und wischt sich die Tränen aus dem Augenwinkel. „Aber das interessiert wohl keinen.“ Offenbar auch nicht, dass Luca seit Kurzem an einer Heilpädagogischen Schule in Mühltal erfolgreich unterrichtet wird. „Selbst Lucas Lehrer ist mit ihm zufrieden, so wie es momentan ist.“

Sie habe das zwar dem Jugendamt mehrfach mitgeteilt, aber „ich habe das Gefühl, dass wenn die einmal so einen Stein ins Rollen gebracht haben, ihn nichts mehr aufhalten kann.“

In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an den EXTRA TIPP. Der hakt beim zuständigen Jugendamt des Kreises Offenbach nach und will wissen, warum ein Kind aufgrund eines mehrere Monate alten Gutachtens unter Medikamente gesetzt werden soll. „Wir werden uns dazu nicht äußern, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt“, sagt Kreissprecherin Kordula Egenolf.

Jugendamt bietet Gespräch an

Zwei Tage später flattert bei Beate Bartl ein Brief ins Haus. Darin teilt ihr das Jugendamt mit, dass man nun erstmal ein angesetztes Hilfeplangespräch abwarten wolle. „Das Ende Mai ausstehende Hilfeplangespräch bezieht die Mutter, den Jungen, Lehrer und Betreuer mit ein. Es ist ein offenes Gespräch. So könnte es ein mögliches Ergebnis sein, die aktuelle Situation erst einmal weiter zu beobachten und die vom Jugendamt geforderte Stellungnahme, die für den Gerichtsbeschluss Voraussetzung ist, erst einmal um ein halbes Jahr zu verschieben.“

Beate Bartl ist zuversichtlich. „Aber aufatmen kann ich erst, wenn die die Forderung nach den Medikamenten endgültig zurücknehmen.“

Der EXTRA TIPP wird den Fall im Auge behalten.

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