Im Wald sich selbst gefunden

Spessart-Camp-Bewohnerin berichtet

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Durch die Walderfahrung ein noch optimistischerer Mensch geworden: Barbara Wellmann.

Offenbach - Acht Tage und sieben Nächte hat Offenbacherin Barbara Wellmann im Spessart Camp durchgehalten: Sie hat zwar nicht die Spessart-Krone geholt, doch den Einzug ins Camp hat sie trotz Minusgraden, Schnee und Regen keinesfalls bereut. Wie es ihr erging: Von Barbara Wellmann

Was bedeutet eigentlich Zeit, wie schnell wandert der Mond und was sind das für komische Gestalten in der Glut? All die Fragen gehen mir durch den Kopf, während ich Nachtwache am Lagerfeuer halte. Wie lange sitze ich hier schon? Zehn Minuten oder gar zwei Stunden? Wann soll ich die Ablöse wecken? Wir müssen das Feuer bewachen. Es darf auf keinen Fall ausgehen, dafür ist es zu bitterkalt. Zum Pinkelbaum zu gehen oder sich am Abend umzuziehen, kostet jede Menge Überwindung. Aber das ist alles Kopfsache. Überleben ist Kopfsache und hängt nur von der Willensstärke ab. Dinge, die ich vorher geahnt hatte, aber erst im Spessart Camp erleben kann. Doch nicht ein einziges Mal kommt mir der Gedanke, aufzugeben. Die Krone gewinne ich leider nicht, aber viele wertvolle Erfahrungen, die ich nicht mehr missen mag.

Berichte aus dem Spessart Camp:

Holt Barbara die Krone?

Camper auf Schatzsuche

Im Spessart hagelt es Belohnungen

Erste Kandidaten verlassen Camp

Eine Latrine, die niemand braucht

Offenbacherin zieht ins Camp

Es ist gut, wenn du beschäftigt bist, dann denkst du nicht an die Kälte. Die anfänglich noch beinahe angenehmen Um-die-Null-Grade weichen schnell Bodenfrost, starkem Wind und zweistelligen Minustemperaturen. Ja, das Leben ist kein Ponyhof. Und jeder, der das schon im Alltag dachte, erhält im Camp die körperliche Bestätigung. Doch Camp hat hier rein gar nichts mit Camping zu tun – es ist Survival; nicht mehr und nicht weniger. Wie wir überleben können in der Natur, lernen wir jeden Tag von Überlebenstrainer Stefan Kudela. Die acht Tage im Wald sind kein Zuckerschlecken. Kudela zieht beim Auszug seinen Hut vor uns. Sein Motto lautet eigentlich, „wenn ich nicht schimpfe, ist das Lob genug“, umso schöner seine Worte und sein Stolz auf unsere Leistung.

Spessart Camp: Das Finale

Als wir den Wald vor acht Tagen betreten, ist der Ort ein Nichts, umrandet von Bäumen, gepaart mit Schnee und Wildnis. Bald wird der Ort unser Zuhause sein. Die Feuerstelle ist unser Wohnzimmer, das Feldläuferbett unser Schlafgemach, die zwölf Gleichgesinnten sind die Familie und das Überlebenstraining unser Alltag. Wir lernen, uns ein Haus aus Ästen und Fichtennadeln zu bauen – ohne Nägel, Schnüre oder Planen. Ein Bett aus Bäumen, um dem Bodenfrost fern zu bleiben. Wir bauen uns eine Latrine und einen Wasserfilter, um uns versorgen zu können.

In den ersten Tagen geht es ums Wesentliche und vor allem ums Hungern. Wir essen wenig: Rinderbrühe – zwei Brühwürfel auf zehn Liter. Wir sind ausgehungert, trinken Tee. Unsere Gespräche am Feuer bestehen hauptsächlich aus Essensgelüsten. Die Zähne beginnen weh zu tun, weil wir nicht kauen. Der Kopf schmerzt einige, weil sie Hunger nicht kennen. Dieser Hunger ist anders. Kein Ich-hätte-Lust-auf-Nutella-aber-ich-halte-Diät-Hunger, sondern ein animalischer Hunger, der dich dazu bringt, für dein Essen alles in Kauf zu nehmen. In unserer Kultur kaum nachvollziehbar. Für unser erstes Abendessen heißt es Fallen bauen, jagen – und töten! Zwischen dem Fangen der Hähne und dem Grillabend liegt das Wesentliche: schlachten, häuten, ausnehmen, zerteilen. Stefan zeigt, wie´s geht, zückt sein Messer: brasilianischer Stahl trifft fränkische Hähnchenkehle – und wir jubeln.

Nach vier Tagen sind wir zwei Kandidaten weniger und bereits um viele Erfahrungen reicher. Wir wissen, wie hilfreich eine Not-Box sein kann. Nadel, Faden, Messer, Wachs, Tampons und Pariser sind eine gute Überlebenshilfe. Im Kondom kann ich Wasser transportieren oder eine Verletzung vor Entzündungen schützen und mit einem Tampon, ein wenig Asche und zwei Brettern geht es schnell, ein Feuer zu machen. Fallenlehre, Feuerkunde, Holz hacken und jetzt Knoten. Ein wenig wie im Kindergarten: Hasenohr und Schleife ziehen. Wie gut, dass ich vor kurzem Segeln war. Knoten machen mir nichts.

Das Härteste ist die Nacht in der Einzelunterkunft. Ich halte Nachtwache, um nicht allzu lange in der Kälte liegen zu müssen. Es ist krass, wie schnell der Körper auskühlt, wenn ich mich vom Feuer entferne. Ein wenig mulmig ist es mir, so dicht neben dem Feuer zu schlafen. Über mir eine Notfallplane, um mich herum alles offen. Knarrende Bäume, die im Wind miteinander kämpfen, deren Äste sich versuchen voneinander lautstark zu lösen. Wie gerne würde auch ich kreischen wie dieser Ast. Ich liege hier ganz allein im dunklen Wald. Mitten in der Natur, mit der Natur. Es ist unglaublich. Minus zwölf Grad spüre ich bis in die Knochen.

Langsam kippt auch die Stimmung, manche Egotour nervt einige mehr als die Kamerateams. Viele sind fertig, haben die Grenze der Belastbarkeit erreicht, wollen aufgeben. Wir motivieren uns. Damit uns warm wird, machen wir einen Orientierungslauf: ein Kompass, eine halb verbrannte Karte, kein Proviant, drei Stunden Marsch. Die Belohnung: Wurst. Es hat sich gelohnt. Mit der Bewegung kreisen auch die Gedanken. Ich ordne ein und nehme wahr, begreife, was ich gerade durchstehe. Erkenne, was Entbehrung heißt und was Stärke bedeutet. War ich bisher ein optimistischer Mensch, bin ich es durch diese Walderfahrung umso mehr. Es geht immer weiter. Ich habe viel gelernt. Kann nun Feuer machen, mir ein Waldhaus bauen und mit Seilen und Knoten Gewässer überwinden. Ich weiß, was es heißt, zu hungern und zu entbehren; aber ich weiß vor allem, was Demut ist. Denn nichts ist schöner, als wenn nach einer eisigen Nacht langsam die Sonne aufgeht und das Licht dir sagt, es ist ein neuer Tag und du bist immer noch hier. Egal wie viel Uhr es ist. Was bedeutet Zeit? Zeit ist relativ.

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