EXTRA TIPP-Redakteurin schlüpft in die Rolle einer Bedürftigen

Bettel-Meile Zeil: Wie einfach ist es wirklich? Ein Selbstversuch!

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Frankfurt – Die Stadt Frankfurt hat pünktlich zur Weihnachtszeit die Bettler in der Innenstadt ins Visier genommen. Doch wie wirksam ist die Präsenz der Beamten, und wie fühlt es sich überhaupt an, wenn man die Hand aufhält?.

Die Stadt Frankfurt will gegen aggressive Bettler stärker vorgehen – so wurde es zumindest angekündigt. Das stieß bei vielen Bürgern auf offene Ohren. Ein Spaziergang über die Zeil offenbart warum. Grade zur Weihnachtszeit tummeln sich dort etliche Bettler. Kein Weg führt am Elend vorbei. Die Stadt will deshalb mehr Präsenz zeigen. „Vor allem soll auch das aggressive Betteln unterbunden werden“, sagt Ralf Rohr, Sprecher des Ordnungsamts. Doch beim Selbstversuch erhält EXTRA TIPP-Redakteurin Angelika Pöppel ein ganz anders Bild. Sie hat sich unter die Zeil-Bettler gemischt, um heraus zu finden, wie es auf der Straße wirklich läuft. Auf der einen Seite beobachtet sie aggressive Schnorrer, auf der anderen erfährt sie echten Zusammenhalt.

„Mein Leben als Bettlerin“:

Der erste Schritt ist der schwerste: Schon meine Aufmachung sorgt für Aufmerksamkeit. Dick eingepackt in eine alte Jacke, eine ausgeleierte Jogginghose, abgelatschte Schuhe. Doch eine Pappe auf dem Boden auszubreiten und sich mit Decke und Hund auf den kalten Steinboden zu setzen, kostet Überwindung. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Anfangs schaue ich niemandem in die Augen, nur auf dem Boden vor mir. Es ist, als ob man sich vollkommen offenbart, nackt auszieht. Es lässt sich nicht mehr verstecken: „Ja, ich habe nichts!“

Einige weichen meinen Blicken aus, machen einen großen Bogen um meinen leeren Kaffeebecher, den ich vor mir auf dem Boden gestellt habe. Andere beäugen mich mitleidig, schon so, dass es mir selbst unangenehm ist. Viele versuchen, mich auch zu ignorieren, nur ihre verstohlenen Blicke treffen mich. Dann plötzlich: Ein etwa 35-jähriger Mann drückt mir ein paar Münzen in die Hand. Wow! Ich bin sprachlos. Ich sitze erst ein paar Minuten da. Es fühlt sich gut an, besser als ich je vermutet hätte. Weitere Passanten lassen die Münzen in meinem Becher klingeln – von jung bis alt. Dann bietet mir eine junge Frau freundlich einen Kaffe an und ist sichtlich irritiert, als ich ablehne.

Das Ordnungsamt taucht auf

„Oh nein, schon wieder“, nuschelt einer von drei Beamten des Ordnungsamts zu seinen Kollegen, als er mich im Vorbeischlendern sieht. Dann winkt er ab und geht weiter. Direkt vor mir versuchen gerade zwei junge Männer mit Rosen Geld zu machen. Sie strecken einem jungen Paar die Blumen entgegen, stellen sich in ihren Weg. Ein anderer spricht etliche Passanten an, um ihnen einen Scherenschnitt unterzujubeln – gegen Geld natürlich. Die Beamten nehmen das aggressive Betteln wahr. Sie gehen vorbei. Die Bettler machen weiter.

Immer wieder schleicht eine Frau um mich herum, die mir merkwürdig vorkommt. Andere Obdachlose nicken mir zu, lächeln mich an, grüßen. Plötzlich spricht mich einer von ihnen an: „Willkommen! Woher kommst du?“ Dann wird unser Gespräch unterbrochen. Eine junge Frau bietet mir ein Stück Pizza an. Wieder lehne ich ab, und mein neuer Freund darf sich über eine warme Mahlzeit freuen. Und das tut er auch. Langsam wird mir kalt, die Beine schlafen unter der Decke ein. Doch dafür gibt es umso wärmere Worte. „Du musst dir einen Unterschlupf suchen, es ist doch viel zu kalt“, sagt eine ältere Frau mütterlich, während sie zwei Euro in meinen Becher fallen lässt. Sie schaut mich direkt an und fügt hinzu:„Du bist doch viel zu jung, du musst runter von der Straße!“ Mit so viel Mitgefühl kann ich kaum umgehen. Es geht mir nah, dass sich eine fremde Person, so verantwortlich fühlt.

Obdachlose grüßen

In 45 Minuten erbettelte die EXTRA TIPP-Redakteurin 6,49 Euro. Das entspricht in etwa dem gesetzlichen Mindestlohn. Die EXTRA TIPP-Redaktion hat einen angemessenen Betrag drauf gelegt und das Geld an das Kapuzinerkloster in Frankfurt gespendet, das im Franziskus-Treff Frühstück für Obdachlose anbietet, damit das Geld auch bei den Richtigen ankommt. Der EXTRA TIPP bedankt sich ausdrücklich bei allen mitfühlenden Spendern!

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