19-Jähriger wollte Arzt werden

Vater der Attentäter: "Mein Sohn ist ein Engel"

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Die Brüder Tamerlan und Dzhokhar Tsarnaev sind die mutmaßlichen Attentäter von Boston

Watertown - Die mutmaßlichen Attentäter vom Boston-Marathon sind Brüder. Einer von ihnen ist bereits tot, den anderen jagt die Polizei. Nun haben sich der Vater und der Onkel der beiden zu Wort gemeldet.

Dzhokhar Tsarnaev, der noch flüchtige mutmaßliche Attentäter vom Boston-Marathon (lesen Sie zu den Zusammenhängen zwischen den Ereignissen diesen Artikel), wollte Arzt werden. Sein Vater, Ansor Tsarnaev, erzählte in einem Telefonat mit der Nachrichtenagentur AP, dass sein Sohn im zweiten Jahr Medizin studiert und er ihn in den Ferien in seiner russischen Heimat erwartet habe. Der Vater lebt in Machatschkala, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus. Über den Charakter des 19-Jährigen sagte er: "Mein Sohn ist ein wahrer Engel." Weder er noch sein Bruder seien je in Kontakt mit Waffen gekommen. Den USA drohte er in einem Telefongespräch mit dem Sender ABCNews, dass "die Hölle losbrechen wird", falls auch sein jüngster Sohn getötet werden sollte.

Die ABCNews-Reporterin Bianna Golodryga berichtete, dass sie etwa 15 Minuten mit Ansor Tsarnaev gesprochen habe. Während des Telefonats habe sich der Vater auch direkt an Dzhokhar gewandt und ihn aufgefordert, sich zu ergeben: "Gib auf. Gib auf. Du hast eine vielversprechende Zukunft vor dir. Komm nach Hause, komm nach Russland." Ansor Tsarnaev habe auch von einem Telefonat mit seinen Söhnen berichtet. "Wir haben über den Bombenanschlag (beim Boston-Marathon) gesprochen. Ich habe mir Sorgen um sie gemacht", zitiert Golodryga den Vater der Brüder. Doch Tamerlan und Dzhokhar hätten ihm versichert, dass es ihnen gut gehe und sie gar nicht vor Ort gewesen seien. Ansor Tsarnaev sei nicht zuletzt deshalb davon überzeugt, dass seine Söhne unschuldig sind.

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Wesentlich härtere Worte fand der in den USA lebende Onkel der beiden Brüder, die den Bombenanschlag auf den Boston-Marathon offenbar gemeinsam verübt haben und seitdem zusammen auf der Flucht waren. "Das (was sie getan haben) ist schrecklich. Ich hege keinerlei Symphatie für die zwei. Ich hasse sie - sie haben Menschen umgebracht! Sie sind Barbaren", zitiert das US-Portal people.com Ruslan Tzami aus Maryland. Über die Familie seiner Neffen weiß der Onkel zu berichten, dass sie groß und weit verzweigt ist. Die Eltern der beiden leben immer noch in Russland. "Sie stammen aus einer hart arbeitenden Familie, die aus Tschetschenien geflüchtet ist. Es ist eine gute Familie", sagte Tzami gegenüber der Presse.

Interview mit dem Onkel von Tamerlan und Dzhokhar Tsarnaev

In dem sozialen Netzwerk vk.com, das in etwa mit Facebook gleichzusetzen ist, aber vor allem von Menschen aus Russland und der ehemaligen Sowjetunion genutzt wird, hat Dzhokhar Tsarnaev in seinem Profil angegeben, dass seine zwei obersten Prioritäten im Leben "Karriere" und "Geld" seien. Zuletzt besuchte er die Cambridge Rindge and Latin School. Dort erhielt er Berichten zufolge 2011 sogar ein Stipendium im Wert von 2.500 US-Dollar. Unter dem Punkt Weltanschauung hat der 19-Jährige "Islam" angegeben. Ein Freund beschreibt Dzhokhar als ganz normalen US-Teenager. Zu seinen Hobbys zählte unter anderem Wrestling. "Es gab keine Anzeichen dafür, die uns glauben ließen, dass er zu so etwas fähig wäre", zitiert der Nachrichtensender CNN Eric Machado. Ein anderer Freund, Steven Owens, sagte gegenüber ABCNews: "Ich hab ihn kennengelernt, als ich in der 7. Klasse war. Er war ein tolles Kind. Es hat Spaß gemacht, mit ihm abzuhängen. Er war sehr gelehrig, sehr intelligent. Ich kann mich nicht erinnern, dass er je Probleme in der Schule gehabt hätte. Er war auch ein guter Sportler."

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Tamerlan, der ältere der beiden Brüder, war hingegen sehr religiös. Der Fotograf Johannes Hirn hat ihn einst für eine Foto-Reportage ausgewählt. Ihm erzählte der 26 Jahre alte Vater einer Tochter, dass es keine Werte mehr gebe und die Menschen verlernt hätten, sich selbst zu kontrollieren. Er sagte auch, dass er sein Shirt in Anwesenheit von Frauen für gewöhnlich nicht ausziehe, um sie nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Und weiter: "Ich bin sehr religiös."

Darauf deutet auch ein YouTube-Account hin, der aller Wahrscheinlichkeit nach Tamerlan Tsarnaev gehörte. Dort gab es in der Unterkategorie "Terroristen" zwei Videos, die aber bereits vor einiger Zeit wieder gelöscht wurden. Eine andere Unterkategorie trägt den Namen "Islam". Die sieben dort abgelegten Videos sind noch immer abrufbar. Eines der dort geposteten Videos stammt von Feiz Mohammad, einem fundamentalistischen australischem Muslim-Prediger. Ein anderes Video widmet sich der Prophezeiung aus einem Buch mit dem Titel "The Black Banners", das bei islamischen Extremisten beliebt ist.

Gehörte dieser YouTube-Account dem älteren Bruder?

Die Behörden hatten am Freitag nur wenig zu den beiden Brüdern veröffentlicht. Offiziell bekannt war lediglich, dass beide aus Tschetschenien stammen und seit mehreren Jahren legal in den USA leben.

Dschochar Zarnajew war diese Woche noch an der Uni

Der flüchtige mutmaßliche Bombenleger von Boston, Dschochar Zarnajew, war nach Angaben seiner Kommilitonen nach dem Anschlag am Montag noch auf dem Universitätscampus. Er habe ihn diese Woche im Gang des Wohnheimes, in dem er lebt, gesehen, sagte der Student Harry Danso, der auf der gleichen Etage wie Zarnajew ein Zimmer hat. Zarnajew habe ruhig gewirkt.

Zwei Freunde des Verdächtigen riefen ihn derweil auf, sich zu stellen. In Nachrichten an die Nachrichtenagentur AP baten Ashraful Rahman und Essah Chisholm, die mit Dschochar Zarnajew die Cambridge Rindge and Latin School besucht hatten, diesen sich nicht umzubringen und niemanden anderen mehr zu verletzen. Rahman beschrieb Zarnajew als ambitionierten Ringer, der immer ruhig und gelassen war und niemandem etwas zuleide tat. Er wolle wissen, warum Zarnajew all das getan habe.

Auf ihrer Flucht hatten Tamerlan und Dzhokhar am Donnerstagabend auf dem MIT-Campus einen Polizisten erschossen und sich wenige Stunden später in Watertown eine Verfolgungsjagd mit anschließendem Feuergefecht mit der Polizei geliefert. Dabei wurde der ältere der beiden tödlich verletzt. Seither durchkämmen mehrere tausend Einsatzkräfte die gesamte Region um Boston, um Dzhokhar Tsarnaev aufzuspüren. Er gilt bei den Behörden als extrem gefährlicher Terrorist, der gekommen ist, "um Menschen zu töten".

mm/AP

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