Liebhardt holt Silber

Deutsche Medaillenflut am Strand von Rio

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Franziska Liebhardt gewinnt Silber.

Rio de Janeiro - Auf der Straße von Barra lag das große Glück der deutschen Radsportler. Angeführt von den Siegern Michael Teuber und Dorothee Vieth gab es bei den Paralympics fünf Medaillen.

Die Straßen am Strand von Barra waren für die deutschen Radfahrer mit Gold gepflastert. Nach Abonnement-Sieger Michael Teuber und Siegdebütantin Dorothee Vieth raste am Mittwoch in Rio de Janeiro auch Hans-Peter Durst trotz eines Defekts zu seinem ersten Paralympics-Erfolg. Und damit nicht genug: Andrea Eskau und Denise Schindler jeweils als Zweite sowie Vico Merklein als Dritter sorgten am Mittwoch aus deutscher Sicht für den bislang medaillenträchtigsten Tag bei diesen Spielen. „Das ist eine Riesennummer“, sagte der Chef de Mission, Karl Quade. „Die Ergebnisse waren in dieser Form nicht zu erwarten, umso schöner, dass es so toll geklappt hat.“

Knapp 20 Kilometer von der Radstrecke entfernt schrieb auch Franziska Liebhardt ihre tolle Geschichte weiter. Nur rund 20 Stunden nach dem Sieg im Kugelstoßen gewann die 34-jährige Leverkusenerin, die an einer Autoimmunerkrankung leidet, zum Abschluss ihrer kurzen Karriere Silber im Weitsprung mit 4,42 Metern. „Das Gefühl, dass es jetzt vorbei ist, ist irgendwie strange“, gab sie zu, wollte sich davon die Partylaune aber nicht verderben lassen: „Ich werde heute Abend erstmal feiern gehen, ich habe die Goldmedaille ja auch noch nicht gefeiert.“

Die Medaillenflut spülte die deutsche Mannschaft mit neunmal Gold, 13-mal Silber und achtmal Bronze auf den siebten Platz der Nationenwertung. Nach 325 von 528 Entscheidungen führte in dem Ranking weiter China vor Großbritannien und der Ukraine.

Für die Szene des Tages sorgte Michael Teuber: Helm ab, sein Bruder Christian richtete ihm die Haare - und dann posierte der 48-Jährige mit der Deutschland-Fahne über der Schulter vor der Strandkulisse am Atlantik. „Es ist einfach geil, wenn man einen Plan hat, vier Jahre daraufhin arbeitet, am Tag X alles funktioniert und am Schluss den Sieg nach Hause tragen kann“, sagte der Bayer.

Teuber hatte nicht nur sein Aussehen, sondern auch seine Gold-Fahrt perfekt durchgestylt. 17 000 Trainingskilometer, eine Streckenbesichtigung schon 2013 und ein auf seine „Schildkröten“-Haltung beim Fahren abgestimmtes Rad - er hatte nichts dem Zufall überlassen. Sein Ziel war klar: Er wollte der einzige Sieger im Zeitfahren seiner Klasse bleiben, seit diese Disziplin 2004 eingeführt wurde. „Ich bin jetzt überglücklich: fünftes Gold, viermal hintereinander im Zeitfahren gewonnen - das hat außer mir keiner geschafft. Daher habe ich auch ein bisschen Geschichte geschrieben, einfach geil“, kommentierte er.

Nur wenig später jubelte dann die querschnittgelähmte Dorothee Vieth über ihren 20-Kilometer-Sieg mit dem Handbike. Die 55 Jahre alte Geigenlehrerin aus Hamburg komplettierte nach Bronze 2008 in Peking und Silber 2012 in London ihren Medaillensatz. „Ich habe mich zunehmend professionalisiert. Es hat noch mal gebrannt in mir“, erzählte sie. Durch ihren zweiten Platz sorgte Andrea Eskau für einen deutschen Doppelerfolg in diesem Rennen. „Ich bin auch mit Silber zufrieden. Mein großes Ziel war eine Medaille“, sagte die Magdeburgerin, die 2012 in dieser Disziplin gewonnen hatte.

Hans-Peter Durst vollbrachte dann am Nachmittag die ungewöhnlichste Leistung. Schon nach 1500 Metern war sein Sattel gebrochen und diente nur noch als Stütze statt als Sitz. Doch der mit 58 Jahren älteste aller deutschen Paralympics-Starter war trotzdem schneller als alle Kontrahenten, musste aber noch vor der Siegerehrung zum Doktor. „Ich habe schon zwei Kinder. Ein neues würde diese Situation jetzt nicht mehr hergeben. Ich muss gleich mal zur Ärztin. Das brennt unglaublich“, sagte Durst und ging weg.

Nachdem Denise Schindler ihren Überraschungscoup mit Silber gelandet hatte, stemmte sie vor Freude ihr Rennrad in die Höhe. Die Bahnspezialistin, die in der 3000-Meter-Einzelverfolgung im Velodrom wegen eines Fehlers disqualifiziert wurde, war vor Rührung den Tränen nah. „Die Silbermedaille, die ich da verloren habe, ist mir jetzt geschenkt worden. Das ist unglaublich“, meinte die 30-Jährige.

Einen besonderen Moment erlebte auch Alessandro Zanardi. Der ehemalige Formel-1-Pilot aus Italien gewann wie 2012 in London Gold mit dem Handbike. „Das ist fantastisch. Mein Leben hört nicht auf, ein einziges Privileg zu sein“, sagte der 50-Jährige, der bei einem Rennunfall vor 15 Jahren beide Beine verloren hatte.

Die deutschen Rollstuhl-Basketballer haben unterdessen die Medaillenrunde durch eine 66:70 (40:34)-Niederlage im Viertelfinale gegen Spanien verpasst.

dpa

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