Enttäuschende Medaillen-Bilanz

Leichtathleten in Rio mit viel Schatten und wenig Licht

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Nachdenklich: Robert Harting ging im Diskus leer aus, sein Bruder Christoph holte Gold.

Rio de Janeiro - Zweimal Gold und einmal Bronze - das ist die Bilanz der deutschen Leichtathleten in Rio. Schlechter als vor vier Jahren in London, doch einen generellen Trend wollen die Verantwortlichen nicht ableiten.

Der große Wurf gelang nur mit Diskus und Speer. Die deutschen Leichtathleten sind trotz zweimal Gold und einmal Bronze hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Stars wie Robert Harting, David Storl und Christina Schwanitz gingen in Rio leer aus, für neue Hoffnungsträger waren die Konkurrenten (noch) zu stark - immerhin glänzten Christoph Harting und Thomas Röhler mit Gold. Nach den starken Auftritten bei Olympia 2012 und der WM 2015 mit jeweils acht Medaillen war die Rio-Reise dennoch ein Rückschlag.

"Das Ergebnis hier spiegelt nicht den aktuellen Stand der deutschen Leichtathletik wider. Dass wir das herausragende Ergebnis von London 2012 nicht erreicht haben, ist keine Trendwende, sondern ein Ausrutscher", sagte DLV-Präsident Clemens Prokop: "Auf der anderen Seite haben wir aber auch eine geringere Medaillenausbeute erreicht als erhofft. Eine Reihe Leichtathleten hat die in sie gesetzten Hoffnungen enttäuscht und die Ziele nicht erreicht. Warum das so war, müssen wir jetzt analysieren."

Die Weltmeister patzten

Gerade die deutschen Erfolgsgaranten der vergangenen Jahre verfehlten die Podestplätze: Qualifikations-Aus für Robert Harting und Raphael Holzdeppe, enttäuschende Platzierungen für Betty Heidler (4.), Christina Schwanitz (6.), David Storl (7.) und Christina Obergföll (8.) - allesamt (Ex-)Weltmeister.

"Man könnte auf den ersten Blick sagen, dass der Generationswechsel beginnt. Aber das trifft nur teilweise zu", sagte Prokop: "Wie bei Robert Harting spielen auch Verletzungen eine Rolle. Es ist teils individuelles Pech, kein strukturelles Problem."

Dennoch sieht es danach aus, dass beim Projekt Rio einiges schiefgelaufen ist. Ein Großteil des mit 89 Leichtathleten vielleicht überdimensionierten deutschen Teams agierte in Rio nicht in Bestform. Bei 80 Einzelstarts gab es lediglich acht persönliche Bestleistungen, zwei weitere Saisonbestleistungen.

"Nicht die Größenordnung, die wir gerne hätten"

"Das stimmt sehr nachdenklich. Da muss man sich schon gemeinsam die kritische Frage stellen: Warum ist es nicht gelungen, im entscheidenden Moment die Leistungen abzurufen, die der einzelne Athlet ja schon mal nachgewiesen hat?", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. "In der Leichtathletik ist das, was wir jetzt erzielen, nicht ansatzweise in einer Größenordnung, die wir gerne hätten."

Jeder gebe "sein Bestes für Deutschland, niemand liefert hier mit Absicht eine schlechte Leistung ab", meinte Hürdensprinterin Cindy Roleder. Auftritte wie jener, den Anna und Lisa Hahner im Marathon ablieferten, bei dem sie nach indiskutabler Leistung freudestrahlend Hand in Hand ins Ziel liefen, hinterließen aber einen schalen Beigeschmack.

Druck lastete auf Röhler

Wie sehr die fehlenden Erfolgserlebnisse auf den Leichtathleten lastete, zeigte sich an Speer-Olympiasieger Röhler. "Ich hatte einen richtig schweren Rucksack an", sagte Röhler mit Blick auf seine zuvor enttäuschenden Teamkollegen: "Ich will aber jetzt nicht sagen, dass ich eine ganze Sportart gerettet habe."

Dabei war es keineswegs so, dass rein gar nichts von dem Aufwärtstrend spürbar war, in dem sich die deutsche Leichtathletik seit Jahren befindet. Roleder bewies mit Platz fünf ebenso wie Gesa Felictas Krause als Sechste mit deutschem Rekord über 3000 m Hindernis, das auch in den Lauf-Disziplinen einiges möglich ist.

Weitspringerin Malaika Mihambo zeigte als Vierte, was abrufbar ist, wenn man sich ganz und ohne Nebenschauplätze auf den olympischen Wettkampf fokussiert. Und die Jüngsten im Team wie Sprinterin Gina Lückenkemper und Mittelstrecklerin Konstanze Klosterhalfen (beide 19) bestanden unbekümmert ihre olympische Feuertaufe.

"Da entsteht eine neue Generation im Hinblick auf Olympia 2020", sagte Prokop. In Tokio könnte die Stunde der Lückenkempers und Klosterhalfens schlagen - bei der WM 2017 in London soll aber erstmal die "alte" Garde um Storl, Schwanitz und Co. das DLV-Boot wieder auf Kurs bringen.

sid

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