Es wird eng

Russland droht Klagewelle an - Bach räumt "großen Zeitdruck" ein

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Thomas Bach

Rio de Janeiro - Die ersten drei russischen Athleten fechten ihren Olympia-Ausschluss an, IOC-Präsident Thomas Bach gerät immer mehr unter Zeitdruck.

Russland lässt im Streit um seine Doping-Sünder weiter die Muskeln spielen, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) läuft die Zeit davon: Wenige Tage vor dem Start der Olympischen Spiele ist die Lage in Rio weiter angespannt. IOC-Präsident Thomas Bach räumte ein, dass die Überprüfungen der russischen Athleten noch Tage dauern könnte - womöglich bis Freitag, wenn die Spiele eröffnet werden.

"Wir müssen die Situation lösen, bevor die Spiele starten", sagte Bach am Sonntag auf seiner ersten PK in Rio. Das IOC könne für die Skandale und das Timing nicht verantwortlich gemacht werden. Schaden hätten die Spiele dadurch nicht genommen, betonte Bach. "Die Leute haben gesehen, dass wir diese Entscheidungen treffen mussten", sagte der 62-Jährige.

Derweil kündigte Russlands Sportminister Witali Mutko nach der Sperre von bislang 117 Athleten durch die internationalen Fachverbände eine Klagewelle vor dem CAS an. Den Anfang machten die Schwimmer Wladimir Morozow und Nikita Lobinzew sowie Julia Jefimowa, die allesamt ihren Start bei Olympia in Rio erzwingen wollen.

"Wir sollten versuchen, unsere Athleten zu schützen", sagte Mutko und erklärte, auch den Entscheid gegen den Komplett-Ausschluss der Gewichtheber vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS anzufechten. Man werde den McLaren-Report Stück für Stück auseinandernehmen, hieß es. Zudem forderte Mutko alle ausgeschlossenen russischen Athleten auf, vor Zivilgerichte zu ziehen und um ihr Recht zu kämpfen.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagierte entspannt. "Die Klagen waren kein Thema auf der heutigen Sitzung der IOC-Exekutive. Wir akzeptieren die CAS-Entscheidungen", sagte IOC-Sprecher Mark Adams.

Ursprünglich hatten sich 387 russische Athleten für die ersten Sommerspiele in Südamerika qualifiziert. Nach der Streichung von 117 Sportlern zählt das russische Team derzeit 270 Athleten. Die letzte Kontrolle der Startberechtigungen, die die Weltverbände vergeben haben, durch den CAS steht allerdings noch aus.

Mutko: "Moralischen Schaden bekämpfen"

Ziel der Klagewelle sei es, "die Ehre und Würde zu schützen und den moralischen Schaden zu bekämpfen", sagte Mutko. Als geeigneten Zeitraum für die Klagen vor den Zivilgerichten nannte der Sportminister die Wochen nach den Sommerspielen.

Doch kurz danach reichten bereits die ersten Athleten ihre Klagen beim CAS in Lausanne ein. Morozow (24) und der drei Jahre ältere Lobinzew sowie auch Jefimowa wollten sich nicht damit abfinden, dass sie zu den sieben russischen Schwimmern gehören, die der Weltverband FINA im Nachprüfungsverfahren für Rio gesperrt hatte.

Morozow und Lobinzew wurden im McLaren-Report erwähnt, ihnen wird damit die IOC-Regel zum Verhängnis, die genau jene Athleten aussperrt. Auch russische Sportler, die jemals als Dopingsünder überführt worden sind, dürfen nach dem Willen des IOC nicht in Rio starten. Das gilt für Jefimowa. Vor allem diese Regel gilt unter Sportrechtsexperten bei Klagen vor dem CAS als kaum haltbar.

Zu den Details wollte sich das IOC nicht äußern. Auch eine weitere Anfrage von Whistleblowerin Julia Stepanowa, doch noch in Rio starten zu dürfen, wies die Ringe-Organisation zurück. "Das IOC hat eine endgültige Entscheidung getroffen", sagte Adams. Gleichzeitig gab er bekannt, dass Athletensprecherin Claudia Bokel der dreiköpfigen IOC-Kommission angehört, die den endgültigen Beschluss über die Teilnahme der russischen Athleten in der kommenden Woche trifft.

Unterdessen kritisierte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) - im Gegensatz zu Bach - die Ankündigungen Mutkos. "Ich wundere mich aber über die Chuzpe des Herrn Mutko angesichts der horriblen Missstände innerhalb des russischen Systems, die der McLaren-Report klar und über jeden Zweifel erhaben aufgedeckt hat", sagte der DOSB-Vorstandsvorsitzende Michael Vesper dem SID: "Etwas Demut wäre jetzt angebracht, Russland sollte sich dazu durchringen, die Missstände im eigenen System aufzuarbeiten und zu beenden."

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hatte in einem Sonderbericht von Ermittler Richard McLaren systematisches Doping in Russland aufgedeckt und daraufhin die Empfehlung ausgesprochen, russische Athleten von den Spielen komplett auszuschließen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach an der Spitze war dieser Empfehlung jedoch nicht gefolgt. Vielmehr übertrug das IOC die Entscheidung an die jeweiligen internationalen Sportfachverbände. Bei den Gewichthebern fiel dieser Entscheid am Freitagabend negativ aus, der Weltverband IWF schloss alle russischen Athleten von Rio aus. Andere Fachverbände hatten anders entschieden und russischen Sportlern die Starterlaubnis erteilt. Dass das Chaos in den verbleibenden Tagen bis zur Eröffnungsfeier aufgelöst wird, ist unwahrscheinlich.

sid

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