Auch DFB-Teammanager Bierhoff verärgert

Streit um Löw-Taktik: Kahn wirft Scholl arrogantes Denken vor

+
Oliver Kahn findet, Joachim Löw hat gegen Italien alles richtig gemacht.

Évian-les-Bains/München - Nach Mehmet Scholls Taktikkritik an Joachim Löw wehrt sich der DFB in Person von Teammanager Bierhoff. Auch Expertenkollege Oliver Kahn kann Scholls Attacke nicht nachvollziehen.

Es scheint, als entzweie diese Frage Fußball-Deutschland: Hat Joachim Löw mit seiner Umstellung auf Dreierkette gegen Italien einen taktischen Fehler begangen und Deutschland seiner Stärken beraubt? Oder hat der Bundestrainer gegen die gefährlichen Azzurri genau richtig reagiert und so den Sieg im Viertelfinale erst möglich gemacht?

Bierhoff: "Mehmet kennt unsere Abläufe gar nicht"

Mehmet Scholl hatte sich im Anschluss an den Elferkrimi gegen die Italiener klar positioniert. Der ARD-TV-Experte sparte nicht mit Kritik an Löw beziehungsweise dessen Trainerstab und Chefscout Urs Siegenthaler persönlich hart angegangen. „Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen...“, ätzte der ehemalige Bayern-Profi nach dem Schlusspfiff.

Siegenthaler nahm die Scholl-Kritik recht gelassen. "Ich weiß nicht, was ich Herrn Scholl getan habe. Jeder kann erzählen, was er will – frei und unbefangen. Sich so zu äußern, ist Scholls gutes Recht. Ich kenne ihn allerdings persönlich nicht", sagte er der Bild.

DFB-Teammanager Oliver Bierhoff hatte am Sonntag allerdings gar kein Verständnis für die Scholl-Kritik: „Eigentlich hat er den gesamten Trainerstab damit irgendwie angegriffen. Das war unmöglich, wie Mehmet das dargestellt hat." Bierhoff betonte: "Was uns unglaublich ärgert, und das kann nicht sein: Mehmet kennt unsere Abläufe nicht, er weiß nicht, wie Entscheidungen hier getroffen werden."

Kahn wirft Scholl arrogantes Denken vor

Auch Scholls früherer Mitspieler beim FC Bayern und jetziger TV-Expertenkollege Oliver Kahn kann die Kritik an Löws Verhalten nicht nachvollziehen. "Wir müssen mal weg kommen von dieser Einstellung, dass man ein ganzes Turnier oder eine ganze Saison durch immer mit der gleichen Taktik spielen müsse. Diese Zeiten sind schon ziemlich lange vorbei", sagte der beim ZDF als Experte tätige Ex-Torwart am Sonntagabend vor dem Viertelfinale zwischen Frankreich und Island.

Kahn fand die Abkehr der deutschen Mannschaft von der bisherigen Spielweise genau richtig. "Diese Arroganz sollten wir nicht besitzen zu sagen: 'Wir sind die Stärksten'. So einfach ist es im heutigen Fußball nicht", warf er Scholl vor und erklärte: "Die Spieler sind heute ganz anders ausgebildet. Manche Mannschaften können ihre Formationen sogar während des Spiels ändern."

Diese Flexibilität war für Kahn der Schlüssel zum Sieg: "Genau da waren uns die Italiener immer voraus, sie waren uns taktisch immer überlegen. Den Vorteil haben sie jetzt nicht mehr."

Scholl, der als Trainer der zweiten Mannschaft des FC Bayern München wenig Erfolg hatte, sorgte als ARD-Experte schon mehrfach mit heftiger Kritik für Aufsehen. So ging er 2012 bei der EM Mario Gomez an („Ich hatte zwischendrin Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss.“) und entschuldigte sich später dafür.

dh mit Material von dpa

Kommentare