Ein Fachbegriff macht Karriere

"Packing" ist in aller Munde - nur das ZDF stichelt

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Oliver Kahn (l.) ist beim ZDF als Experte für die EM 2016 im Einsatz.

Evian-les-Bains – Ex-Profi Stefan Reinartz hat mit dem Begriff des "Packings" eine neue Möglichkeit zur Analyse von Fußballspielen erfunden. Viele Experten finden das Packing beeindruckend, das ZDF stichelt hingegen.

„Als Spieler“, sagte Stefan Reinartz vor einem Monat noch, „habe ich es nie in die ,Bravo’ geschafft. Vielleicht glückt es mir als Datenanalyst.“ Tatsächlich: Reinartz, 27, drei Länderspiele, zuletzt bei Eintracht Frankfurt tätig und wegen einer Verletzungsserie vom aktiven Fußball zurückgetreten, ist tatsächlich in der Teenager-Postille erwähnt worden. Denn Reinartz hat den Begriff „Packing“ in die Welt gesetzt, und es ist keine von Dr. Sommer empfohlene Annäherungsmethode, sondern ein Fußballfachterminus. Deutschland spricht über ihn, in EM-Tagen, wo jeder Spiele verfolgt, auch die Jugend. Daher gab es sogar in der „Bravo“ eine Erklärung. Mit dem Hinweis „Wow, das stimmt.“

ARD-Experte Scholl bringt den Begriff immer wieder ins Gespräch

„Packing“ hat Karriere gemacht. Reinartz schob das zu EM-Beginn an mit einem Auftritt bei der ARD, die sein Analyseverfahren eingekauft hat. Doch während die Nation sich den Packing-Diskussionen widmete, und das durchaus kontrovers, absolvierte der Datenanalyst Reinarzt erst mal etwas Privates: Flitterwochen. Nun ist er zurück und stellt fest: „Selbst die Eltern meiner Frau wissen jetzt, was Packing ist. Obwohl sie gar keinen Fußball schauen.“ Dank an Mehmet Scholl, der als Experte im Ersten immer wieder aufs Packing zu sprechen gekommen ist.

Stefan Reinartz hat mit seiner Firma den neuen Fachbegriff erfunden.

Stefan Reinartz hat nun auch analysiert, wie die Deutschen auf das Thema reagieren. „Die Reaktionen waren zunächst ziemlich positiv, bald etwas gemischter.“ Er glaubt: „Ein paar Leute stoßen sich am Begriff, der ja unsere Gesamtidee umschreibt, aber für uns eine untergeordnete Rolle spielt.“ Wichtig sei Reinartz und seiner Firma Impect, „Inhalte zu schaffen“. Nämlich: Die Mannschaft, der es gelingt, mehr Gegner zu überspielen, wird in der Regel das Spiel gewinnen – die Packing-Rate sei also aussagekräftiger als Zweikampf-, Torschuss-, Ballbesitzbilanz. Die Methode berücksichtigt Ballgewinn und Ballverlust und eröffnet neue Einschätzungen von Spielern wie Toni Kroos und Mesut Özil. Die seien oft viel viel effektiver, als sie wirken.

Kahn frotzelt gegen Scholl und das Packing

„Es gab Missverständnisse, aber auch viele berechtigte Witze übers Packing“, räumt Reinartz ein. Die Satireseite „Der Postillon“ empfand das „Goaling“ als neue Analysemethode: Man sollte einfach die Tore zählen. „Sie sind natürlich die härteste Währung.“ Das hatte Reinarzt schon bei der Vorstellung des Packing Ende Mai im DFB-Trainingslager in Ascona gesagt.

Absehbar war, dass, da das ARD auf Packing setzte, das ZDF dagegen sticheln würde. „Glückwunsch an die Italiener. So Mehmet, jetzt erklär mir mal genau die Packing-Rate“, twitterte Oliver Kahn, Experte im Zweiten Deutschen Fernsehen. Die Auflösung übernimmt in diesem Fall gerne Stefan Reinartz: „Italien hat in diesem Spiel mehr Gegner und Verteidiger überspielt als Belgien – was vor allem daran liegt, dass Italien nur selten überspielt wird und nicht nur daran, dass sie selber so gut sind, Gegner zu überspielen.“

„Jeder fußballinteressierte Mensch in Deutschland weiß zumindest grob, was überspielte Gegner sind“, ist sich Stefan Reinartz sicher. Der Ex-Profi freut sich über eine Umfrage, wonach 57 Prozent der Deutschen glauben, dass die Analyse den Fußball verändern werde. „In der Branche“, glaubt er, „ist der Prozentsatz noch höher“.

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gük

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