Viele Spieler verletzt

Sorgen vor EM-Halbfinale: So geht Löw damit um

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Ganz so groß ist die Not noch nicht: Joachim Löw beim öffentlichen Training am Montag. Die drohenden Ausfälle für das EM-Halbfinale gegen Frankreich nimmt er gelassen hin; sich selber wird der Bundestrainer nicht aufstellen müssen. 

Evian-les-Bains - Frankreich ist vor dem Halbfinal-Spiel bei der EM 2016 in Euphorie, Deutschland hingegen plagen (Verletzungs-)Sorgen. Der Bundestrainer will das nicht an sich heranlassen. 

Der Stimmungsabfall setzte eine Stunde danach ein. Als die Müdigkeit kam, als Spieler wie Mesut Özil und Thomas Müller spürten, „welche unglaubliche Laufleistung“ (Bundestrainer Löw) sie erbracht hatten. Dazu kam psychische Erschöpfung, die nur verständlich ist nach einem Akt wie dem Elfmeter-Drama in einem Alles-oder-nichts-Spiel gegen Italien. Schließlich wurde die Mannschaft noch von der langen Heimreise geschlaucht. Nächtlicher Flug Bordeaux – Annecy, Busfahrt ins Stammquartier nach Evian-les-Bains. „Um 5 Uhr, 5 Uhr 30 waren wir zurück, gegen 6.30 oder 7.00 Uhr sind die Spieler ins Bett gekommen“, erzählt Joachim Löw. Der Tag nach dem Spiel: von Müdigkeit geprägt. Und von den schlechten Nachrichten.

Mario Gomez wird mit einem Muskelfaserriss im Oberschenkel nicht mehr bei dieser EM spielen können. Das ist eine Einbuße für das Team, denn Gomez hatte sich als zeitgemäße und beste Mittelstürmerlösung erwiesen. Er wird auch beim Team bleiben. Nicht nur wegen der guten Behandlungsmöglichkeiten, sondern vor allem, „weil er sich als Teil der Mannschaft sieht“. Die EM mitzugestalten, das war Gomez’ Ziel, seit er die WM vor zwei Jahren verpasst hat.

Sami Khedira wird im Halbfinale am Donnerstag (21 Uhr/ZDF live) in Marseille nicht spielen können, er hat es an den Adduktoren. Dass er verfügbar wird für ein mögliches Finale am Sonntag (21 Uhr) in Paris, ist nicht ausgeschlossen. Nicht so schwer ist die Verletzung von Bastian Schweinsteiger. „Eine leichte Zerrung“ in Knie, mit der der Kapitän im Viertelfinale über 100 Minuten spielte. Löw findet, Schweinsteiger habe „das Tempo gehalten“. Die Kritiken von außen für Schweinsteiger waren nicht so gut (Tenor: Zu langsam, nur Alibipässe).

EM-Halbfinale: Deutschland mit Sorgen, Frankreich mit Schwung

Der gelb-gesperrte Mats Hummels, Mario Gomez und Sami Khedira fallen definitiv aus für das Match mit dem Gastgeber der EM, bei Schweinsteiger geht zumindest die Tendenz dahin – schlagartig hat sich die Ausgangssituation gewandelt. Deutschland hat Sorgen, Frankreich dagegen kommt mit dem Schwung des 5:2 gegen Island.

Pressestimmen: "Deutschland besiegt ENDLICH Italien"

Wie reagieren die Deutschen? Was das Innenleben der Mannschaft betrifft, meint Löw: „Die Spieler sind über die Ausfälle informiert. Aber wir thematisieren das nicht weiter.“ Nun kommen welche dran (Löw: „Vielleicht zwei, drei“), die bei diesem Turnier noch keine Sekunde gespielt haben. Löw hat sie oft genug gelobt und gesagt, er vertraue jedem. Er selbst strahlt die gleiche Gelassenheit aus wie vor dem Spiel gegen Italien, das die Allgemeinheit als schicksalsschwer empfunden hat. Löw sagt nur: „Ich wusste, dass wir gegen Italien früher oder später ein Tor schießen.“

EM-Halbfinale: Frankreich hat eigentlich ein Deutschland-Trauma

Italien-Trauma? Er hatte das Schlagwort nicht an sich herangelassen. Genauso wenig jedoch kann er sich nun auf die Geschichte berufen, obwohl sie die deutsche Seite stärken sollte. Denn eigentlich hat Frankreich ein Deutschland-Trauma, weil es 1982, 1986 und 2014 jeweils in WM-K.o.-Spielen an einer deutschen Elf gescheitert ist. Und grundsätzlich hat in den vergangenen 44 Jahren fast jeder Ausrichter eines Turniers (EM oder WM) ein Deutschland-Trauma. Von Belgien 1972 bis Brasilien 2014 – traf eine Gastgebernation auf die Deutschen, bedeutete das das Ende.

Löw sagt, „dass wir nicht zurück schauen“ und er meint, „dass etwa unser 1:0 gegen Frankreich vor zwei Jahren im WM-Viertelfinale heute nichts mehr aussagt, weil die Franzosen jetzt auch etwas anders spielen. Wir beziehen daraus keine Kraft mehr für das bevorstehende Spiel hier“. Doch ein anderer Brasilien-Eindruck ist haften geblieben. Halbfinale, eine Nation versammelt sich hinter einem Team, „und in Brasilien waren das 200 Millionen“. Frankreich ist kleiner, die Stimmung aber seit Sonntag eine genauso dichte, voller Erwartung, getränkt in Euphorie. Und Marseille im Süden, die heimliche Fußball-Hauptstadt Frankreichs, die nicht chic ist, sondern wild, scheint der ideale Austragungsort für ein solches Spiel zu sein.

Joachim Löw stellt sich vor, wie es sein wird am Donnerstag. Er sagt nur: „Super! Ich liebe das.“

gük

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