Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich

Island: EM-Helden in Öko-Trikots

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Feier-Tage: Gylfi Sigurdsson (l.), Sigthorsson & Co. haben sich bei der EM viele Freunde gemacht.

Annecy - Island ist anders als all die anderen. Das zeigt sich schon an der Kleidung. Das Fußballnationalteam von der Insel, derzeit megaberühmt und unübertreffbar beliebt, ist weder eine Adidas-, noch eine Puma- oder Nike-Truppe.

Langjähriger Ausrüster der Isländer ist „Errea“, eine kleine Firma in Italien, die sich damit rühmen kann, der weltweit erste Hersteller von Sportartikeln zu sein, der ein Öko-Zertifikat bekommen hat. Bisheriges Paradeteam von Errea ist Atalanta Bergamo – doch nun wird Island den Reibach bringen. Es ist eine Folge der Europameisterschaft, dass isländische Shirts ausverkauft sind. „Die Bestellzahlen“, sagt Omar Smarason, der unterhaltsame Sprecher des Isländischen Fußballverbandes KSI, „liegen 1800 Prozent über den Prognosen“. In der Fabrik von Errea seien jetzt alle schwer am Schuften, doch Smarason kann versprechen: „Jeder wird sein Trikot bekommen.“ Irgendwann.

Und es kann sein, dass die Nachfrage noch weiter anzieht. Denn ist es unvorstellbar, dass Island, das in der Vorrunde Portugal getrotzt und Österreich geschlagen und im Achtelfinale England eliminiert hat, auch Frankreich bezwingt, am Sonntag (21 Uhr) im Viertelfinale in Paris?

Ein klein wenig Anteil daran hätten die Franzosen selbst, zumindest die in der Bergregion von Annecy, eineinhalb Stunden vom deutschen Quartier am Genfer See entfernt gelegen. Im Ort macht die These die Runde, die starken isländischen Vorstellungen hätten damit zu tun, dass die Spieler aus dem hohen Norden Europas die regionalen Produkte so sehr zu schätzen gelernt haben. „Ja, alles prima hier“, sagt Birkir Saevarsson, „wir müssen alles nur etwas stärker würzen“. Am Eingang zum Pressekonferenzraum in einem Hotel in Annecy haben die Isländer für die Journalisten Erdbeeren und Honig aufstellen lassen – nicht das, was man in Island gewöhnlich zu sich nimmt. Alles ist derzeit eben anders – und aufregend. Annecy und Island haben zum Schulterschluss gefunden, die Spieler freuen sich schon, dass sie nach dem Spiel gegen Frankreich „nach Hause nach Annecy“ kommen. Selbst wenn sie verlieren sollten – sie würden sich dann in aller Gelassenheit verabschieden wollen. Sie sind höfliche Menschen, sie interessieren sich für alle, die sich für sie interessieren.

Wir haben für Sie zusammengefasst, wie Sie das Viertelfinale Frankreich gegen Island live im TV und im Live-Stream ansehen können.

Lars Lagerbäck, seit 2011 Trainer Islands, stellt sich der Aufstieg des Teams gar nicht mal so wundersam dar, wie der Rest des Kontinents ihn wahrnimmt: „Wir verbessern uns seit vier Jahren stetig“, sagt er, „wir machen viele kleine Schritte“. Jon Bödvarsson, der für den 1. FC Kaiserslautern stürmt, macht vieles an der Person Lagerbäck fest: „Er hat viel Erfahrung, er gibt uns den Glauben.“ Kollege Saevarsson, Abwehrspieler, der sich auf Gegner wie Payet und Griezmann einzustellen hat, meint: „Es ist wichtig, einen solchen Coach zu haben, er hat so etwas schon fünf, sechs Mal erlebt.“ Lagerbäck ist Schwede, seinem Heimatland hat er die international besten Zeiten beschert. Er arbeitet immer mit einem gleichberechtigten Partner, in Island mit Heimir Hallgrimsson, von dem jeder weiß, dass er nebenbei noch eine Zahnarztpraxis betreibt.

Lagerbäcks einziges Problem ist: Er kommt mit der isländischen Sprache nicht weiter. „In informellen Gesprächen oder wenn wir zusammen essen, ist das ein Nachteil“, räumt er ein. Kleinere Gruppen leitet er in Schwedisch („Wenn ich weiß, dass die Spieler es verstehen“) oder Englisch an. Die Spieler dürfen schmunzeln, dass ihr Coach keinen Zugang zu ihrer Muttersprache findet, umgekehrt erlaubt sich auch Lars Lagerbäck zu witzeln, dass „das, was ich von einigen höre, wir in Schweden sicher nicht Schwedisch nennen“.

Doch sie finden immer eine gemeinsame Sprache, die isländischen Spieler und ihr schwedischer Trainer, der in seinem Wirkungskreis „den freundschaftlichen Umgang, den hier alle miteinander haben, auch die Medienvertreter“ schätzt. Für die Mannschaft hat er Richtlinien erlassen, „die ich auch vor dem Spiel gegen Frankreich hervorhole“. Der wichtigste Leitsatz lautet: „Zu hundert Prozent professionell sein.“ Eine Floskel, doch ein bisschen gewöhnlich müssen ja selbst die isländischen Exoten sein.

„Frankreich ist schneller und besser als England“, sagt Verteidiger Saevarsson, „Frankreich ist ein sehr physisches Team“, findet Lagerbäck, „es macht viel Laufarbeit. Aber wir auch. Ich sorge mich nicht.“

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