Bundestrainer-Debatte

Jogi, ein protziger Verlierer

+
Auch der Bundes-Souverän ist mal ratlos: Joachim Löw nach dem EM-Aus in Marseille. 

Marseille/Paris – Mit leichter Verzögerung beginnt doch noch eine kleine Jogi-Löw-Debatte. Eine Umfrage zeigt: 57 Prozent sind für den Bundestrainer.

Im Moment, als es geschah, war es so irritierend, dass keiner die Stimme erhob und nachfragte: Herr Löw, ist das Ihr Ernst?

Ein Halbfinale war vorüber – und der Bundestrainer (und nach ihm auch die Nationalspieler) gaben sich so ganz anders, als sie sich der Welt vor zwei Jahren präsentiert hatten. Damals in Belo Horizonte, nachdem man Brasilien 7:1 geschlagen hatte: Deutschland als bescheidener Sieger. Nun, 2016, in Marseille: Deutschland als protziger Verlierer. Als wäre das 0:2 gegen Frankreich und das Ausscheiden in der Europameisterschaft nur eine Sinnestäuschung und als spielten Franzosen und Portugal am Sonntag lediglich Platz zwei aus. Weil die Allerbesten die Deutschen sind. Sie haben sich dazu ernannt. Löw sprach von „Komplimenten, aber keinen Vorwürfen“, Manuel Neuer bezeichnete das Ergebnis als „nicht fair“, Mats Hummels kam in einem Vergleich („Vor zwei Jahren war unser WM-Viertelfinale gegen Frankreich viel enger und ausgeglichener als das Spiel jetzt“) zum Schluss, „dass unsere Idee vom Spiel sehr, sehr gut ist“.

So wurde das im Stade Velodromé hingenommen, in aller Ruhe verabschiedete sich der deutsche Tross am nächsten Vormittag aus Südfrankreich, die Nachbetrachtungen in den Medien nahmen den freundlichen Grundton auf. Motto: Das ist eben Fußball, das kann passieren. Und erste Einwände wie der, dass sieben Tore in sechs Partien eindeutig zu wenig seien, wurden gestrichen mit dem Hinweis darauf, dass Spanien 2010 mit acht Treffern aus sieben Begegnungen Weltmeister geworden war.

Doch die Ruhe hielt nicht übers Wochenende. Der „kicker“, der Auflehnung gegen den DFB seit jeher unverdächtig, fragte seine Leser, ob der Bundestrainer weitermachen solle, das Ergebnis fiel mit 57:43 Prozent pro Löw aus – doch das Meinungsbild war schon einmal deutlich positiver. Dann stellte auch noch der Fußballtalk „Doppelpass“ auf Sport1 die These zur Diskussion, ob nach zehn Jahren Löw nicht mal ein neuer Impuls gesetzt werden müsse.

Frankreichs EM-Held Griezmann beendet deutschen Traum

Tatsache ist: Zwar hat Löw eine imposant konstante Bilanz mit Minimum lauter Halbfinalteilnahmen vorzuweisen, seit er 2006 Chef wurde – doch vor allem bei den Europameisterschaften missglückte ihm einiges. 2008 benahm er sich in einem Seitenlinienstreit mit dem österreichischen Kollegen Josef Hickersberger und dem Vierten Offiziellen daneben, sodass er fürs Viertelfinale gegen Portugal gesperrt wurde und es rauchend aus einer Lounge im Baseler Stadion verfolgen musste. Durchs Halbfinale gegen die Türkei kam man mit Mühe, im Endspiel gegen Spanien (0:1) machte man keinen Stich. 2012 führte Löw das Team durch eine anspruchsvolle Vorrunde (Portugal, Niederlande, Dänemark – damals alle in den FIFA-Top-Ten), brachte im Viertelfinale eine auf Griechenland zugeschnittene neue Aufstellung, siegte 4:2 und wurde als Genie gefeiert – doch mit seiner Ausrichtung fürs Halbfinale (1:2 gegen Italien) lag er daneben. Hinterher musste er auch einräumen, dass kein echter Mannschaftsgeist entstanden sei und es gestört habe, dass ein Spieler die Aufstellung immer an die Medien verraten habe.

2016 schien alles gut zu laufen für Löw. Der Griff in die Hose und unter die Achsel waren Boulevardthemen für ein, zwei Tage, dann war’s auch wieder gut. Als PR-Arbeiter agierte Jogi Löw im Höchstform. Er hielt im Stammquartier in Evian-les-Bains drei Pressekonferenzen ab, sie waren überragend. Der Bundes-Souverän.

Die starken und selbstbewussten Auftritte des Bundestrainers verstellten den Blick auf die Probleme im Team. Keine offensive Durchschlagskraft. Müller in einer Krise. Götze gewillt, aber wohl doch beeinträchtigt durch seine Situation, in München nicht mehr erwünscht zu sein. Die Ankündigung Löws, für die Vorrunde brauche man eine andere Mannschaft als für die K.o.-Partien, erwies sich als heiße Luft; es spielten im Grunde immer die gleichen, es gab nur leichte Variationen und innerhalb der Mannschaft keinen Konkurrenzkampf.

Emre Can musste sein Unverständnis darüber hinunterschlucken, dass er in England (Liverpool) eine starke Saison gespielt hatte, in der Nationalmannschaft sich aber alles nur um einen unfitten Bastian Schweinsteiger (nach bestenfalls durchwachsener Saison bei Manchester United) drehte. In der Offensive kam man über ein zur Konvention gewordenes Ballbesitzspiel nicht hinaus, doch den Spieler, den er selbst am ehesten für geeignet für den Überraschungsmoment befand, ließ Löw bis auf die letzte Viertelstunde unberücksichtigt: Leroy Sané.

Portugal gewinnt EM-Finale gegen Frankreich

Der Bundestrainer agierte konservativ. Sein einziges Wagnis war es (im Vergleich zur WM 2014), die Außenverteidiger bei Ballbesitz höher stehen zu lassen. Eine Weltinnovation ist jedoch auch das nicht. Diese Entscheidung rührte daher, dass sowohl Hector (links) als auch Kimmich (rechts) keine gelernten Verteidiger, sondern Mittelfeldspieler sind. Löw kam ihren Stärken entgegen.

Die Europameisterschaft 2016 hat Joachim Löw stets als Durchgangsstation gesehen. Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Als Weltmeistermacher hat er den Status, sich diese Weitsicht leisten zu können. Er hat nach dem 0:2 von Marseille ein wenig kokettiert, gesagt, dass er jetzt erst mal Leere fühlen und er erst in einigen Tagen mit Telefonieren („Mit dem Trainerteam und Spielern“) anfangen werde, doch Löw-Freund und DFB-Manager Oliver Bierhoff erkennt keine Zeichen, dass Löw aufhören werde. Schließlich ist alles auf ihn zugeschnitten. Es gab schon weitaus unsicherere Zeiten, Löws Zukunft betreffend: 2010 etwa, als er ohne Anschlussvertrag in die WM ging. 2014, als alle dachten, er macht eh Schluss – entweder als Gescheiterter oder eben als Champion, der sich nicht weiter wird steigern können.

Am 31. August ist das nächste Länderspiel (gegen Finnland), ab 4. September die WM-Qualifikation (Gegner: Norwegen, Tschechien, Nordirland, San Marino, Aserbaidschan). Mit Löw, der ins elfte Bundestrainer-Jahr geht. Alles andere würde überraschen. Und 57 Prozent sind noch immer eine Mehrheit.

Alles zur EM in unserem aktuellen Tagesticker

Mehr zum Thema

Kommentare