Früher ein wichtiges Amt, heute egal?

EM 2016: Die Frage um den Vize-Kapitän beschäftigt die Nation

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Manuel Neuer trug die Kapitänsbinde im letzten Test gegen Ungarn.

Evian - Vielleicht wird es Manuel Neuer sein. Vielleicht Sami Khedira. Wer den Fußball-Weltmeister Deutschland am Sonntag zum EM-Auftakt als Kapitän auf den Platz führen wird, ist ungewiss.

Das Kuriose: Es scheint auch fast egal zu sein. "Es spielt für uns keine große Rolle, wer die Binde tragen wird", sagte Neuer am Donnerstag beinahe gleichgültig.

Womit sich die Frage aufdrängt: Ist dieses bedeutende Symbol des deutschen Fußballs nur noch ein Stück Stoff? Immerhin stand es in der Vergangenheit auch ein wenig für Macht, Ruhm und Geld in Form von Sponsorenverträgen. Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus - sie alle waren klare Chefs und dürfen sich heute Ehrenspielführer nennen.

Wenn Walter, Seeler, Beckenbauer oder Matthäus ausfielen, dann wollten viele der Stellvertreter sein. Meist wurde es derjenige mit den meisten Länderspielen. Am Sonntag (21.00 Uhr/ARD), wenn der für einen Startelf-Einsatz noch längst nicht fitte Bastian Schweinsteiger nicht spielt, wäre demnach Lukas Podolski an der Reihe (128 Länderspiele).

Podolski ist allerdings auch kein Stammspieler und gehört nicht dem Mannschaftsrat an. Nächster Kandidat auf der Liste der absolvierten Länderspiele wäre dann schon Mesut Özil (73). Doch der sagt: "Ich brauche keine Ämter und keine Macht." So klingen sie irgendwie alle: Wäre schon nett, aber ich brauche die Kapitänsbinde auch nicht unbedingt.

Selbst Platzhirsch Schweinsteiger bemüht sich stets, die Bedeutung seines Amtes herunterzuspielen. Es habe sich durch seine Ernennung "nicht viel geändert. Ich bin eh ein Spieler, der denkt, es müssen elf Kapitäne auf dem Platz stehen, um zu gewinnen." Das einst von Berti Vogts eingeführte Motto "Der Star ist die Mannschaft" lebt das Team konsequent.

So wurde die Binde im DFB-Team zuletzt zu einem Wanderpokal. 12 der 23 Spieler des EM-Aufgebots und damit mehr als die Hälfte trugen sie bereits zu Beginn oder während eines Länderspiels. Neben Schweinsteiger (15), Neuer (8) und Khedira (5) auch Podolski (5), Jerome Boateng, Mario Gomez (je 2), Julian Draxler, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Toni Kroos, Thomas Müller und Özil (je 1).

Bei der EM könnte Bundestrainer Joachim Löw die Kapitänsrotation beibehalten, die er in den vergangenen beiden Jahren bei den vielen Ausfällen Schweinsteigers praktizierte. Er legte sich nur auf einen Kreis von vier Spielern fest: Neuer, Khedira, Hummels und Müller, die gemeinsam mit Schweinsteiger den Mannschaftsrat bilden.

Löw verteilt die Verantwortung und den Druck gerne auf viele Schultern. Er betont stets, er habe viele Führungsspieler, aber eben "andere" als in den früheren Jahren der klaren Leitwölfe. Deshalb wolle er sich auch "keinen ranzüchten, der auf dem Platz Tabula rasa macht".

Einer aus dem Mannschaftsrat werde gegen die Ukraine der Kapitän des Weltmeisters sein, er habe sich auch schon festgelegt, erklärte Löw. Nur verraten wollte er es nicht. Ganz nach dem Motto: Es gibt nun wahrlich Wichtigeres.

Die DFB-Kapitäne im Überblick

1. Lothar Matthäus 75 Spiele (davon 72 mal zu Beginn des Spiels) *

2. Michael Ballack 55/54

3. Philipp Lahm 53/51

4. Karl-Heinz Rummenigge 51/50

5. Franz Beckenbauer 50/50 *

Oliver Kahn 50/48

7. Uwe Seeler 40/40 *

8. Jürgen Klinsmann 36/36

9. Paul Janes 31/31

10. Fritz Walter 30/30 *

Fritz Szepan 30/30

...

19. Bastian Schweinsteiger 15/11

28. u.a. Manuel Neuer 8/8

45. u.a. Sami Khedira 5/4

Lukas Podolski 5/0

62. u. a. Jerome Boateng 2/0

Mario Gomez 2/1

79. u.a. Julian Draxler 1/1

Benedikt Höwedes 1/0

Mats Hummels 1/0

Toni Kroos 1/0

Thomas Müller 1/1

Mesut Özil 1/0

* = Ehrenspielführer

sid

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