Droht dem Weltfußball das nächste Erdbeben?

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Christian Constantin

Sion - Christian Constantin, Präsident des Schweizer Erstligisten FC Sion, ist weiter auf Konfrontationskurs. Er hat einen Konflikt angezettelt, der, wenn es ganz schlecht läuft für seine Gegner, ein Erdbeben im Weltfußball auslösen kann.

Und Gegner sind sie alle: Der Schweizerische Fußballverband (SFV), die UEFA und die FIFA. Der Chef des Klubs aus dem Wallis will sie alle besiegen. “Ich bin sicher, dass wir am Ende recht bekommen“, sagt CC, wie Constantin kurz genannt wird.

Dabei geht der 54-Jährige den Weg mit Klagen vor Zivilgerichten. Dies ist eigentlich ein Tabu für den Weltfußball-Verband (FIFA) und die Europäische Fußball-Union (UEFA), die an der Unantastbarkeit des Internationalen Sportgerichtshofes (CAS) festhalten. Die Verbände kämpfen um die Sportgerichtsbarkeit, ihre letzte Bastion, um die selbst definierten Regeln aufrecht zu erhalten. Experten verfolgen das Verfahren mit höchstem Interesse und fragen sich: Wie lange hält dieses Monopol dem Druck noch stand?

Der Ursprung des Konfliktes liegt drei Jahre zurück

Dies war der Auslöser des Machtkampfes, der die Grundfesten des Fußballs erschüttern kann: Im Frühjahr 2008 verpflichtete der FC Sion Torwart Essam El-Hadary trotz eines gültigen Vertrags mit dem Verein Al-Ahly. Im Juni 2009 bestrafte die FIFA den Klub mit einer Transfersperre über zwei Perioden wegen “Anstiftung zum Vertragsbruch“. Brüskiert hatte Constantin die FIFA, da er die Spielberechtigung für El-Hadary über ein Zivilgericht erwirkte.

CC betrachtet die Sperre als abgelaufen. Er stützt sich dabei auf ein Urteil des CAS, das eine tageweise Aufrechnung der Strafe erlaubt. Die FIFA verlangt jedoch vollständige Perioden. Trotz der Differenzen und dem Verbot, neue Spieler zu holen, verpflichtete Sion im Sommer sechs neue Profis. Um die Spielberechtigung zu bekommen, klagte Constantin vor dem Bezirksgericht Martigny - und erwirkte eine “superprovisorische Genehmigung“. Die Gegner des FC Sion spielen seither nur noch unter Protest.

Und trotz der erfolgreichen Qualifikation zur Gruppenphase der Europa League schloss die UEFA die Schweizer wegen des Einsatzes nicht spielberechtigter Profis vom Wettbewerb aus. Dabei bekam der Verband vorab eine Spielerliste, inklusive der Neuzugänge. Eine Intervention blieb aber aus. Neuerdings pocht CC, ein geschäftstüchtiger Architekt, auf ein Dokument, das kürzlich auftauchte. Danach hat die Liga in der Schweiz möglicherweise die sechs Spieler als einsatzberechtigt bezeichnet, dies aber danach als Versehen korrigiert.

Sion verlangt Wiederaufnahme in die Europa League

Alle Maßnahmen gegen seinen Verein empfindet Constantin als ein abgekartetes Spiel. Dem CAS wirft er vor, parteiisch zu sein, bestehe das dreiköpfige Gremium doch immer aus zwei Verbandsvertretern und nur einem Klagevertreter. Kurzum: Es steht immer 2:1 zugunsten der Verbände, noch ehe verhandelt wird. CC ist von seinem Recht überzeugt. Ist er wirklich erfolgreich mit seinen Klagen, dann hat das weitreichende Folgen. Für die Schweiz. Für Europa. Und vor allem für UEFA und FIFA.

Der Schweizer Meisterschaft droht eine Entscheidung am grünen Tisch. So setzte das Kantonsgericht Wallis, der Heimatkanton des FC Sion, die superprovisorische Genehmigung aus, die Neuzugänge sind wieder gesperrt. Sion-Gegner wollen nun das Urteil rückwirkend geltend machen, um Punktabzüge zu erreichen. Die Folge: Tabellen-Wirrwarr, Klagen, ein ungewisser Saisonausgang.

Ungemach droht auch in der Europa League, denn CC will den erspielten Gruppenplatz zurück. So entschied ein Gericht in Lausanne im September, dass Sion wieder in den Wettbewerb integriert werden muss. Die UEFA widersetzt sich beharrlich, arbeitete aber schon einen provisorischen Spielplan aus, wo Partien wiederholt werden müssen. Deshalb wurde inzwischen auch UEFA-Präsident Michel Platini vom FC Sion strafrechtlich verklagt und vorgeladen.

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Sion mit Star-Anwalt

Zuletzt will CC natürlich die Sportgerichtsbarkeit kippen - und damit den Weltfußball verändern. Constantin ist nicht alleine. Andere Klubs stehen hinter ihm, die sich nicht länger der Willkür der FIFA und UEFA beugen wollen. Für sie stünde vor allem das umstrittene “Financial Fair Play“ zum Abschuss frei.

Und Constantin macht Ernst. So verklagt er den französischen Fußball-Verband (FFF) auf zehn Millionen Euro Schadenersatz. “Wie die UEFA hat sich auch die FFF den Anordnungen von Schweizer Zivilrichtern widersetzt. Als Mitglied der UEFA haftet auch die FFF für unseren Schaden“, sagt CC. Die FFF ist für Constantin das ideale “Bauernopfer“. Stade Rennes wäre ein Gruppengegner in der Europa League. Es wird die gleiche Sprache gesprochen wie im Wallis. Der SFV wird im Ausland nicht als Nebenkläger auftreten - ein Gegner weniger. Dazu ist der Gerichtsweg in Frankreich viel schneller als in der Schweiz.

So kommt CC seinem eigentlichen Ziel rasant näher: Der Sion-Präsident strebt den Gang vor den Europäischen Gerichtshof (EuGH) an. Große Erfolgshoffnung verbreitet dabei der Anwalt des Schweizer Erstligisten: Jean-Louis Dupont. 1995 vertrat der Belgier einen gewissen Jean-Marc Bosman. Heraus kam das berühmte “Bosman-Urteil“, welches ein Erdbeben im Weltfußball zur Folge hatte. Die Angst geht um bei FIFA und UEFA, dass schon bald ein “Constantin-Urteil“ hinzukommt.

dapd

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