Die Frankfurter Hammerwerferin Kathrin Klaas will bei den Olympischen Spielen aufs Treppchen

„Wenn alles passt, dann knallt’s“

74 Kilo definierte Muskeln, verteilt auf 1,68 Meter: Hammerwerferin Kathrin Klaas von der LG Eintracht Frankfurt beweist: Massige Ostblockwerferinnen waren gestern. Foto: www.kathrinklaas.de

Die Olympischen Spiele in Rio sind gestartet. Mit dabei: Hammerwerferin Kathrin Klaas (32) aus Frankfurt. Mit dem EXTRA TIPP sprach das 1,68 Meter kleine Kraftpaket über russische Dopingsünder, mangelnde Wertschätzung und den Traum von einer Medaille. Von Kristina Bräutigam

Bei der EM im Juli hatten Sie mit muskulären Problemen zu kämpfen. Schon in der Qualifikation war mit 64,39 Metern Schluss. Wie fit sind sie jetzt?

Es geht besser. Ich habe seit Mai Probleme an Aduktoren und der Leiste, die die Physiotherapeuten aber annähernd in den Griff bekommen haben. Ich bin positiv gestimmt. Ich weiß, ich habe alles getan. Wenn’s nicht klappt, habe ich mir nichts vorzuwerfen.

Bei Großereignissen hat sie das Glück bisher immer im Stich gelassen. Bei der EM 2014 und 2012 wurden Sie Vierte, ebenso bei der WM 2009, bei den Olympischen Spielen 2012 in London Fünfte. Was ist ihr Ziel in Rio?

Wenn ich auf dem Damm bin, kann ich vorne mitwerfen und auch Bestleistung abliefern. Es muss alles passen. Ich bin nicht der Typ Werfer, der auf Sicherheit wirft. Da ich nicht so viel Masse mitbringe, muss ich über die Geschwindigkeit kommen und volles Risiko gehen. Aber wenn’s passt, dann knallt’s (lacht).

Einige Teams wollen nicht ins olympische Dorf einziehen, kritisieren undichte Rohre, freiliegende Stromkabel, Dreck. Haben Sie Bammel?

Wir haben die Meldungen im Trainingslager gelesen und gelacht. Auf den Bildern, die ich von den Unterkünften der deutschen Mannschaft gesehen habe, war alles in Schuss. Notfalls muss eben nochmal der Handwerker ran. Aber ich mache mir da keinen Kopf.

Auch nicht um das Zika-Virus, das für Gehirnschäden bei Neugeborenen verantwortlich sein soll? Viele Sportler haben ihre Teilnahme an den olympischen Spielen deshalb bereits im Vorfeld abgesagt.

Klar ist das Thema, auch Freunde und Familie sprechen einen darauf an. Aber es gibt Vorkehrungen, die man treffen kann, wie sich mit Mückenschutz einzureiben und lange Kleidung zu tragen. Ich lasse mich davon nicht zu sehr belasten, sonst geht zu viel Energie verloren.

Was halten Sie von der Entscheidung, dass ausgewählte russische Sportler trotz systematischen Staats-Dopings bei Olympia starten dürfen?

Es ist schwierig. Leider werden durch den Ausschluss die Athleten bestraft, nicht das System. Es gibt Athleten, die sauber sind, und jetzt nicht starten dürfen. Und es gibt andere, die gedopt sind, und dabei sind. Meiner Meinung nach hat das Internationale Olympische Komitee Russland an den Pranger gestellt, um die Glaubwürdigkeit der Leichathletik wiederherzustellen. Aber andere Nationen müssen auch unter die Lupe genommen werden. Über China spricht keiner.

Sie haben in der Vergangenheit laut kritisiert, dass Hammerwerfer wie Sportler zweiter Klasse behandelt werden. Sie würden beispielsweise bei vielen Wettkämpfen im Vorprogramm werfen und nicht Teil der Diamond League sind. Hat sich die Situation verbessert?

Leider nicht. Klar gibt es auch für uns schöne Wettkämpfe, aber sie finden eben einen Tag vor dem Hauptwettkampf oder auf einer Nebenanlage statt. Das ist schade, weil wir so keine Bühne bekommen, um uns zu präsentieren. Auch finanziell sind wir erheblich benachteiligt: Bei der Hammerwurf-Challenge bekommt die Siegerin 2.500 Dollar, der Sieger der Diamond League aber 10.000 Dollar. Das ist nicht fair. Am Ende des Jahres haben wir die gleiche Leistung gebracht, stehen aber erheblich schlechter da. Hammerwerfer sind innerhalb der Leichtathletik nicht gleichgestellt. Weder in sozialer noch in sportlicher oder finanzieller Hinsicht.

Sie sind in der Sportfördergruppe der Landespolizei Hessen. Könnten Sie von der Leichathletik leben?

Nein. Das Geld kommt aus ganz vielen Töpfen. Der Hauptanteil kommt von der Polizei, der Rest von der Sporthilfe, Sponsoren, Prämien. Aber wie gesagt: Wer keine Chance hat, seine Disziplin zu präsentieren, ist eben auch für Sponsoren weniger interessant. Als erfolgreicher Sprinter kann man, je nach Land, seinen Lebensunterhalt verdienen. Wir bleiben ohne mediales Interesse außen vor.

Sie haben als Kind mit dem Hürdenlauf begonnen, sind mit elf Jahren zum Hammerwerfen gewechselt. Ihre Bestleistung liegt bei 76,05 Meter. Was macht für Sie den Reiz der Disziplin aus?

Neben Stabhochsprung beinhaltet das Hammerwerfen die anspruchvollste Technik. Durch das Zusammenspiel von Dynamik, Technik, Eleganz und Schnellkraft wird der vier Kilo schwere Hammer auf über 100 km/h beschleunigt. Wir erzielen von allen Wurfdisziplinen die größten Weiten mit dem schwersten Gerät. Da reichen Masse und Kraft schon lange nicht mehr. Moderne Hammerwerferinnen sind komplette Athleten, denen die Sportart wahnsinnig viel abverlangt.

Trotzdem haben in kleinen Vereinen nur wenige Kinder die Chance, solche exotischen Sportart kennenzulernen.

Das ist ein Problem. Wenn es keine Anlage und keinen Trainer gibt, finden wir keinen Nachwuchs. Und Mädchen trauen sich auch oft nicht ran. Ich biete deshalb Schnuppertrainings an, die Vereine können mich quasi einladen. Mittlerweile bekomme ich sogar Videos von Hammerwerfern aus Amerika, die mich fragen, was sie an ihrer Technik verbessern können. Es muss ja auch nicht jedes Mädchen Hammerwerfer werden. Hauptsache, die Kinder gehen in Sportvereine. Wenn sich dann noch ein paar trauen, mehr als Laufen und Springen auszuprobieren, ist das ein Anfang.

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