Wenige Homosexuelle outen sich auf dem Revier

Schwule Polizisten sind noch immer ein Tabu-Thema

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Noch viele Baustellen: Der schwule Hanauer Ex-Oberkommissar Peter Jüngling kämpft auch im Ruhestand gegen Diskriminierung. Er sagt: Das Thema Homosexualität wird in vielen Revieren verdrängt. 

Hanau - Homosexuelle Polizisten haben es noch immer schwer, besonders in ländlichen Revieren. Der schwule Ex-Kommissar Peter Jüngling aus Hanau kämpft seit Jahren für mehr Offenheit. Von Kristina Bräutigam

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Als Peter Jüngling sich outet, ist er 42. Es ist Juli 1999, Jüngling ist seit 25 Jahren bei der Polizei, löscht einen Einsatzbericht, tippt stattdessen eindeutige Schlagworte aus der Schwulenszene in seinen Computer – und lässt den Bildschirm an. Von da an wissen die Kollegen: Oberkommissar Peter Jüngling ist schwul. Bereut hat er sein Outing nie. „Ich bin nicht angefeindet worden. Mir hat es nicht geschadet“, sagt der 60-Jährige.

Doch die Realität in den Revieren in Südosthessen sieht anders aus: „Viele Polizisten haben auch heute noch Angst, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen“, sagt der Ex-Oberkommissar, der seit Oktober im Ruhestand ist. Vor allem ältere Kollegen befürchten Mobbing und Diskriminierung. „Je ländlicher die Gegend, desto weniger trauen sich die Betroffenen, mit den Kollegen oder Vorgesetzten zu sprechen“, sagt Peter Jüngling.

Lesbischen Polizistinnen fällt das Outing leichter

Er weiß, wovon er spricht: Neben seiner Arbeit als Polizeibeamter ist der Hanauer seit 2004 Vorsitzender des Verbands lesbischer und schwuler Polizeibediensteter in Hessen (VelsPol). Er kennt die Geschichten von Kollegen, die aus Angst um den Job ihre Homosexualität verheimlichen, die ein Gerüst aus Lügen aufbauen und sich am Ende in eine andere Dienststelle versetzen lassen. Am liebsten nach Frankfurt, wo sich das Schwulsein zumindest nach Dienstschluss relativ unentdeckt ausleben lässt.

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54 Polizisten arbeiten in Jünglings altem Revier in der Hanauer Innenstadt. Von einem schwulen Kollegen und einer lesbischen Kollegin weiß er. „Statistisch dürften es fünf sein.“ Frauen hätten es bei der Polizei leichter, sich zu outen. „Eine eher männliche Frau mit Waffe, dieses Klischee passt für viele. Aber ein schwuler Polizist, der hart durchgreift, da haben die Leute Probleme.“ Für einige Kollegen auf dem Land sei der typische Schwule eben ein Mann mit rosa Handtasche. „Da denkste, du bist 500 Jahre zurück“, sagt Jüngling.

Tag gegen Homophobie

Dass die Polizei noch immer Berührungsängste mit dem Thema Homosexualität hat, zeige auch die Suche nach seinem Nachfolger als Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in seiner Direktion: Anderthalb Jahre meldete sich niemand auf die Ausschreibung. Erst vor kurzem wurde die Stelle besetzt. Mit einem heterosexuellen Kollegen. Peter Jüngling ist darüber nicht glücklich. „Viele Homosexuelle zeigen Taten nicht an, aus Scham und aus Angst aufzufliegen, etwa wenn der Angriff in einer Schwulen-Bar passiert ist. Das macht die Strafverfolgung extrem schwierig. Homosexuellen Beamten vertraut man sich eher an.“

Am 17. Mai wird der 60-Jährige beim Tag gegen Homophobie am Infostand von Queer Hanau und Pro Familia im Forum Hanau Flagge zeigen. Drei bis vier Polizeikollegen hätte er sich an seiner Seite gewünscht, sagt Peter Jüngling. Gemeldet hat sich bislang keiner.

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