Außenstellenleiter Alfred Huber über seine dramatischsten Fälle

Bestohlen, vergewaltigt: So hilft der Weiße Ring Kriminalitätsopfern

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3000 Opferfälle lagern in Alfred Hubers Arbeitszimmer. Der 78-Jährige betreut Hinterbliebene von Mordopfern ebenso wie Opfer von Trickdiebstählen. 

Seit 40 Jahren hilft der Verein Weißer Ring Kriminalitätsopfern. Alfred Huber ist seit 2002 Leiter der Außenstelle für Kreis und Stadt Offenbach sowie Frankfurt-Süd. Der EXTRA TIPP hat mit dem ehemaligen Hauptkommissar über seine dramatischsten Fälle gesprochen. Von Kristina Bräutigam

Herr Huber, als ehemaliger Hauptkommissar und Leiter des Frankfurter Flughafenreviers waren Recht und Ordnung viele Jahre ihr Job. Warum verbringen Sie ihre Rente damit, Opfern zu helfen?

Vielleicht, weil ich etwas Sinnvolles machen wollte. Als ich bei der Polizei angefangen habe, wurde kaum an Opferschutz gedacht. Ich habe stets als ungerecht empfunden, dass nach der Tat nur der Täter und seine Strafverfolgung im Mittelpunkt stehen. Als ich Rentner war, habe ich einen Artikel über den Weißen Ring gelesen und mir gedacht, warum nutze ich nicht all meine Erfahrung, um etwas zurückzugeben.

Welche Opfer betreuen Sie und ihre Helfer von der Außenstelle?

Sehen Sie diese Ordner? Darin verbergen sich 3000 Fälle. Vom Tötungsdelikt über schwere Vergewaltigung, Körperverletzung, Raub bis hin zu Eigentumsdelikten wie Diebstahl oder Einbruch. All diese Menschen sind Opfer von Kriminalität geworden.

Macht es einen Unterschied, Opfer eines Trickdiebstahls oder eines Raubüberfalls zu werden?

Jede Tat, jeder Mensch ist unterschiedlich. Es gibt Betroffene, die ein schweres Delikt gut bewältigen. Und es gibt Betroffene, die durch ein vermeintlich harmloses Delikt schwerst betroffen sind. Nehmen wir das Beispiel Einbruch: Die Täter haben nichts geklaut, die Bewohner waren während der Tat nicht zuhause. Und trotzdem sind die Betroffenen fast immer traumatisiert. Sie empfinden das Eindringen als Einbruch in die Seele. Das Sicherheitsgefühl ist weg, die meisten ziehen weg.

Gibt es einen dramatischen Fall, der Ihnen bis heute in Erinnerung geblieben ist?

2004 ist eine Frau aus Offenbach auf dem Weg zur Arbeit brutal ermordet worden. Einfach nur, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sie war Mutter von fünf Kindern. Der Ehemann hat sich wenige Tage später das Leben genommen, eine unvorstellbare Tragödie. Die älteste Tochter des Paars hat ihre jüngeren Geschwister bei sich aufgenommen. Das war nach all dem Schrecklichen ein schönes Happy End.

Der Weiße Ring leistet nicht nur Beistand und betreut die Opfer, sondern leistet auch finanzielle Unterstützung. Wie wichtig ist diese Soforthilfe?

Mindestens genauso wichtig. Ich erinnere mich an einen Fall in Dietzenbach. Ein Bulgare wurde von einem Arbeitskollegen im Auto getötet. Die Frau hatte nicht nur den Tod ihres Mannes zu verkraften, sie stand plötzlich allein da mit zwei kleinen Kindern, sprach kaum Deutsch. Wir haben bei Behördengängen geholfen, organisiert, wer sich um die Kinder kümmert, mit dem Amt gekämpft, damit die Frau finanziell abgesichert ist, und 1500 Euro Soforthilfe organisiert, weil es sich um eine tatbedingte Notlage handelte. Die Frau hat geweint vor Dankbarkeit.

Trotzdem kritisieren Sie, dass Bürokratie die Opferhilfe erschwert.

Auf der einen Seite hat sich vieles getan. Die staatliche Unterstützung von Opfern und auch deren Rechte im Strafprozess haben sich verbessert, zum Beispiel bei Stalking-Opfern. Trotzdem müssen Opfer oft zu lange warten und zu viele bürokratische Hürden bewältigen, um finanzielle Hilfen und Therapien in Anspruch nehmen zu können. Wenn ich höre, dass die Bundesregierung die bisherigen Entschädigungsleistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz für Opfer kürzen will, bin ich wütend. An den Schwächsten der Schwachen zu sparen, das darf nicht sein.

Nimmt die Zahl der Stalking-Fälle zu?

Ja. Allein in unserer Außenstelle hatten wir 2015 45 Fälle von Bedrohung oder Stalking. Ich erinnere mich an eine Frankfurterin, die eines Tages merkwürdige Zeichen an den Wänden ihrer Wohnung und Brandspuren entdeckte, sogar vor der Haustür von einem Maskierten überfallen wurde. Es stellte sich heraus, dass der Freund dahinter steckte. Er wollte nicht, dass Sie sich beruflich weiterbildet, sie sollte brav zuhause bleiben, deshalb hat er ihr Angst gemacht. Nach der Trennung folgte jahrelanges Stalking: Zerkratztes Auto, abgeschraubte Radmuttern, Drohanrufe, sogar Schüsse mit dem Luftgewehr. Die Frau ist am Ende ins Ausland gezogen.

Wenden sich manchmal Menschen an den Weißen Ring, denen Sie nicht helfen können?

Die gibt es auch. Unser Verein kümmert sich um Menschen, die Opfer von vorsätzlichen und fahrlässigen Straftaten geworden sind. Für Mobbing, Familienstreitigkeiten oder Ärger mit dem Nachbarn sind wir nicht zuständig. Aber wir sagen den Anrufern, wo Sie Hilfe bekommen.

Bekommen Sie manchmal Rückmeldung von Opfern, die Sie betreut haben?

Ja, oft sogar Jahre später. Besonders an Weihnachten bekomme ich viele Postkarten. Am meisten freue ich mich natürlich, wenn die Menschen es zurück in ein normales Leben geschafft haben und nicht mehr Opfer sind.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?

Dass noch mehr Menschen vom Weißen Ring erfahren. Dazu brauchen wir vor allem die Polizei: Die Beamten müssen auf unser Hilfsangebot hinweisen. Wir dürfen die Opfer nach der Tat nicht allein lassen.

17 Ehrenamtliche arbeiten aktuell für den Verein Weißer Ring, Außenstelle Frankfurt Süd, Stadt und Kreis Offenbach. Im vergangenen Jahr wurden 272 Opferfälle bearbeitet; vier Tötungsdelikte oder -versuche und 57 Sexualdelikte. Kontakt: 069-85097783 oder
wrs-offenbach-kreis@web.de

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