Betroffene berichten

"So fühlt sich Alzheimer an": Frauen sprechen über ihre Erkankung

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Valeska von Roques (links) und Cornelia Schmidt haben Alzheimer.

Region Rhein-Main –  Alzheimer frisst sich unaufhaltsam durch die Erinnerungen, vertilgt irgendwann alles. Viele denken, die Betroffen merken nicht, was mit ihnen passiert. Das ist falsch. Im EXTRA TIPP sprechen zwei Frauen über Machtlosigkeit, Tränen und ihre Angst. Von Christian Reinartz

Erst, als sie einen Topf auf dem Herd vergessen hat und die Feuerwehr kommt, kann sie sich nicht mehr länger selbst belügen. „Mir war irgendwie schon vorher klar, dass ich abbaue“, sagt Cornelia Schmidt. Sie ist jetzt 59 und sitzt im Untergeschoss des Statthauses in Offenbach. Dort kümmert man sich um Menschen mit Alzheimer. 

Die Betroffenen und deren Familien werden beraten, und auf dem Weg der Krankheit begleitet. Patienten werden sie dort nicht genannt. Sie sollen sich nicht krank fühlen, sagt Sprecherin Tanja Dubas. Im Erdgeschoss die Tagesbetreuung, oben wohnen neun Erkrankte dauerhaft in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft.

Alzheimer - die Krankheit des Vergessens  

Neben Cornelia Schmidt sitzt Valeska von Roques. Sie ist 75. Spiegelkorrespondentin in New York, Rom und Paris. Buchautorin. Weltreisende. „Der Kopf war mein Arbeitswerkzeug“, sagt von Roques. Die New-York-Times hat sie immer noch abonniert. Behalten kann sie sich nicht mehr alles. Dann muss sie im Lauf des Tages nochmal nachlesen. „Alzheimer fühlt sich beschissen an“, sagt von Roques und lacht dabei. Es klingt gequält. Eine Mischung aus Verzweiflung und guter Miene zum bösen Spiel. 

Sie nippt vorsichtig an ihrem Cappuccino, wischt sich sofort den Schaum von der Oberlippe. Es wird eine Zeit geben, da wird ihr so etwas wohl gar nicht mehr auffallen. Sich mit dem Verfall auseinandersetzen will sie nicht. „Wenn man das tut, wird man wahnsinnig“, sagt von Roques. „Mir geht es im Moment gut. Die Zukunft verdränge ich.“

Man sieht die Krankheit nicht 

Cornelia Schmidt kann das nicht. Sie ist erst 59 Jahre alt. Keiner würde auf den ersten Blick vermuten, dass die blonde Oberräderin an Alzheimer leidet. Wenn sie spricht, könnte man meinen, die Frau ist gesund. Sie erzählt über ihre „Frauenclique“, mit der sie so gerne unterwegs ist. Plötzlich stockt sie, schaut hilfesuchend umher, versucht sich zu erinnern. Seufzt. Schüttelt den Kopf und vergräbt ihr Gesicht in den Händen. „Was wollte ich gerade sagen? Worüber haben wir gesprochen?“ Ihr ist die Situation peinlich. Sie entschuldigt sich. 

„Ich merke, dass ich nur schwer Gedanken festhalten kann“, sagt Cornelia Schmidt. „Das macht mir eine ungeheure Angst.“ Dazu kommen regelrechte Aussetzer. Einmal stand sie am Mainufer und wusste nicht, wie sie dorthin gekommen war. „Die letzten drei Stunden davor waren einfach weg.“ Auch sie lacht gequält, als ob sie die furchtbare Krankheit einfach weglächeln möchte.

Sie hat Angst vor einer Zukunft, in der ihr die Gedanken immer weiter entgleiten. Vor einer Zukunft, in der ihr Kopf überhaupt nicht mehr gehorcht. „Dann setze ich mich auf den Boden und weine bitterlich“, sagt Schmidt. Sie schluckt. „Ich fühle mich einfach so hilflos, so verloren mit dieser Diagnose. “

Gegen das Vergessen kämpfen

Auch Valeska von Roques hat diese Momente der Schwere. Hängt dann einer Zeit nach, in der ihr Kopf noch seine volle Leistungskraft hatte. Immer wieder wiederholt sie im Gespräch ihre beruflichen Leistungen. Wie ein Mantra aus Stolz – und gegen das Vergessen. Richtig traurig sei sie aber nie, behauptet sie, „höchstens etwas wehmütig, weil es nicht mehr wie früher geht“, sagt sie. Hinter die Fassade der einstmals so selbstständigen Journalistin lässt sie niemanden blicken. 

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Bei Cornelia Schmidt siegt in ihren verzweifelten Phasen aber immer wieder die Vernunft. „Dann raffe ich mich auf, gehe ich in der Stadt shoppen und lenke mich irgendwie ab. Dann geht es meist schon viel besser.“ Noch wohnt Schmidt in ihrer eigenen Wohnung, noch fährt sie jeden Tag Rad zu ihrer ambulanten Alzheimer-Betreuungsgruppe. Ihren Führerschein musste sie abgeben. Einer von vielen Einschnitten auf dem Weg des Vergessens. Auf dem Weg, den alle Alzheimerpatienten früher oder später gehen.

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