Spezielle Ambulanzen helfen verzweifelten Müttern und Vätern

Hilfe, ein Schrei-Baby! Hier finden gestresste Eltern Rettung

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Schlafmangel, hoher Geräuschpegel und keine Lösung parat: Wenn das Schreien des eigenen Babys zur regelrechten Folter wird, entwickeln manche Eltern Wut auf sich oder sogar ihr Kind.

Region Rhein-Main – Wenn das eigene Baby ohne Pause exzessiv schreit, kann das zu einer enormen Belastung für die Eltern werden. Damit die Verzweiflung nicht zur Gewalt gegen das eigene Kind führt, helfen Therapeuten in speziellen Ambulanzen. Von Dirk Beutel

Babys nörgeln und weinen. Das ist keine Neuigkeit. Für Eltern wird es aber zum nackten Horror, wenn das eigene Baby stundenlang und nach Leibeskräften schreit. Furchtbar schrill und jämmerlich. Das Kleine macht sich steif und drückt den Rücken durch, der Kopf läuft rot an, die Zungenspitze flattert. An Kuscheln ist durch das Gebrüll nicht mehr zu denken. Wenn nicht mal die Mutter ihren gequälten Säugling beruhigen kann, er mehr als drei Stunden am Tag schreit, und das an mindestens drei Tagen in drei aufeinanderfolgenden Wochen, handelt es sich meist um ein Schrei-Baby.

Die Ratschläge aus dem Freundes- und Familienkreis sind zwar nett gemeint, doch für die betroffenen Eltern klingen sie in solchen Fällen wie Hohn, während sie längst die Grenzen ihrer Belastung erreicht haben. Betroffene fühlen sich machtlos, verzweifelt und oftmals sogar wütend. Doch damit sich diese Wut nicht am eigenen Kind entlädt, dafür gibt es zum Beispiel Kinderärztin Angela Köhler-Weisker und ihre Kolleginnen in der Psychotherapeutischen Ambulanz für Säuglinge und Kleinkinder am Anna-Freud-Institut in Frankfurt. Die dort angesiedelte Baby-Ambulanz ist oft die letzte Rettung. „Nicht nur für die Eltern, sondern auch für die Kinder“, sagt Köhler-Weisker: „Was wir hier machen, i st nämlich Gewaltprävention.

Manchmal ist der Vater die bessere Mutter

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Nicht selten löse das Schreien des Babys ein verdrängtes Trauma bei der Mutter aus: „Dann schreit das innere Baby des Erwachsenen und man wird völlig hilflos und aggressiv“, sagt die Kindertherapeutin Cornelia Wegeler-Schardt. In manchen Fällen sind sogar die Väter die besseren Mütter und retten das Baby.  Doch die Probleme, warum ein Baby schreit, sind immer individuell. Häufig geht es um das Verarbeiten einer schweren Geburt, es gibt Schwierigkeiten beim Füttern oder Verdauungsprobleme, die Familie musste ein belastendes Erlebnis verkraften, das Kind wurde zu früh geboren oder es ist reizüberflutet. „In der Regel finden wir durch unsere Beobachtungen das Problem immer heraus“, sagt Köhler-Weisker. Der Schlüssel ist Zeit. Und: „Wir sehen nicht nur das Kind, sondern das gesamte Dreier-Gespann aus Vater, Mutter und dem Kind“, sagt Kindertherapeutin Tanja Müller. „Denn wenn die Eltern gestresst sind, spüren das die Kinder.“

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Aber wann ist der Moment da, dass man sich Hilfe holen sollte? „Sobald das Baby zur Qual wird, wenn man sich nicht mehr über sein Kind freuen kann. Dann sollte man einen Arzt oder eine Schrei-Ambulanz aufsuchen. Doch viele Eltern schrecken davor zurück, weil sie sich als schlechte Eltern fühlten“, sagt Wegeler-Schardt.

Hilfe annehmen ist für viele Eltern eine Hürde

Die Sorge ist aber unbegründet: „In einer Schrei-Ambulanz wird den Eltern geholfen, ihre Kinder oder sich selbst besser zu verstehen. Hier können sie sich angenommen fühlen. Denn so eine Situation ist anstrengend und bringt einen an die Grenze“, sagt Müller.

„Dabei stehen viele Mütter schon während der Schwangerschaft unter Druck“, sagt Kathrin Seidl. Die Krankenschwester und Hebamme betreut betroffene Paare im Main- und Hochtaunuskreis und weiß: „Gerade wenn die Frau nach einem halben Jahr wieder arbeiten muss, die Geburt aber schwierig war oder das Stillen nicht funktioniert, werden Erwartungen enttäuscht und das kann schnell frustrieren.“ Zumal die traditionelle Großfamilie kaum noch existiert. Seidl: „Da ist keine Großmutter mehr, die mal das Kind nehmen kann. Für viele ist es dann eine enorme Hürde, sich von außen Hilfe zu holen.“

Hilfe finden Betroffene unter anderem hier:

Frauen Gesundheitszentrum
Neuhofstr. 32
60318 Frankfurt
Telefon: (069) 59 17 00
Homepage: www.fgzn.de

Baby-Ambulanz am Anna-Freud-Institut in Frankfurt

Myliusstraße 20
60323 Frankfurt
Telefon: (069) 72 14 45
Homepage: www.ikjp.de

Familienzentrum und Praxis für Eltern und Kind

Bismarckstraße 27
63065 Offenbach
Telefon: (069) 78 75 28
Homepage: www.familienhalt.info

Kathrin Seidl und ihre Hebammenpraxis Kinderkram 

Richard Werner Weg 2
61440 Oberursel
Telefon: (06171) 20 82 30
Homepage: www.hebks.de

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