Unhörbarer Feind raubt Rhein-Main den Schlaf

Tieffrequenter Schall: Kommt jetzt die nächste Lärm-Plage?

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Lärm macht krank, auch wenn man ihn nicht hören kann. Schlaflose Nächte könnten eine Langzeitfolge der dauerhaften Tiefbeschallung sein.

Region Rhein-Main - Kommt bald eine neue Bedrohung auf die Menschen im Rhein-Main-Gebiet zu? Tieffrequenten Schall kann man nicht hören, aber sehr wohl spüren. Experten warnen vor gesundheitsschädlichen Langzeitfolgen. Doch das Thema wird in der Öffentlichkeit verharmlost. Von Dirk Beutel

Lärmhölle Rhein-Main-Gebiet: Autobahnen, Bahnverkehr, Fabriken und der Frankfurter Flughafen setzten die hier lebenden Menschen unter Dauerbeschallung. Nun könnte eine neue, bislang noch kaum bekannte Gesundheitsgefahr hinzukommen: Lärm, den wir nicht hören, aber unser Körper spüren kann. Experten sprechen von tieffrequentem oder Infraschall. Belästigung unterhalb der Hörschwelle! Und ihr ist man hilflos ausgeliefert. Laut Bundesumweltamt bezeichnet man Infraschall als Luftschallwellen, die unterhalb des menschlichen Hörbereiches liegen, etwa zwischen 0,1 und 20 Hertz. Tieffrequenter Schall liegt unterhalb von 100 Hertz. Zum Vergleich: Bis etwa 20 Hertz kann ein Mensch Töne noch akustisch wahrnehmen.

Die Gefahr wurde bislang verharmlost

Das Problem: Ist man dem unhörbaren Lärm längere Zeit ausgesetzt, kann er zu Schlafstörungen führen, die Lebensqualität beeinträchtigen und zur Gesundheitsgefahr werden. Bekannte Lärmquellen sind Windkraft-, Biogas und Klimaanlagen sowie Wärmepumpen. „Gerade bei Wärmepumpen ist problematisch, dass es vielfach weder vorgeschriebene Lärmquoten noch Installationsvorschriften gibt“, sagt der Lärmforscher Detlef Krahé von der Universität Wuppertal. Er untersucht die kaum hörbare Gefahr seit Jahren und weiß, dass sie bislang in der Öffentlichkeit verharmlost wurde: „Die Wissenschaft hat da noch einiges nachzuholen.“

Nur schleppend kommt Bewegung in die Sache: Ein DIN-Arbeitskreis, deren Vorsitzender Krahé ist, arbeitet an einem neuen Entwurf für festgelegte Anhaltswerte, ab wann Geräusche im tieffrequentem Schallbereich mit großer Sicherheit als belästigend einzustufen sind. Krahé: „Vor tieffrequenten Tönen kann man sich nicht schützen. Sie durchdringen Wände und Fenster. Auch wenn sie dreifach verglast sind. Dazu können Resonanzen in der Wohnung entstehen, was die Druckwellen verstärken würde.“ Noch ist unklar, wie der menschliche Körper genau reagiert. Und: „Wann etwas als belästigend wahrgenommen wird, ist immer subjektiv“, sagt der Lärmforscher Joachim Bös von der Technischen Universität Darmstadt.

Bringt die Lärmobergrenze neue Probleme?

„Auch wenn diese Frequenzen so tief liegen, dass wir sie nicht hören können, empfinden wir sie als unangenehm belästigend. Und das kann dazu führen, dass man nicht mehr schlafen kann“, sagt Horst Weise vom deutschen Fluglärmdienst. „Es ist bekannt, dass Menschen nicht alle Frequenzen hören können, wie etwa Radio- oder Handywellen“, sagt Weise: „Allerdings lässt sich der Schalldruck, den diese tiefen Frequenzen mit sich bringen, gut messen.“ Weise hat das Problem ebenfalls auf dem Zettel. Nicht zuletzt, da gerade die Verhandlungen über eine Lärmobergrenze für den Frankfurter Flughafen laufen. Mit der Obergrenze solle der Lärm gedeckelt werden. Auf einen Wert, der den heutigen „nicht wesentlich“ überschreitet, wie Verkehrsminister Tarek Al-Wazir betonte. Klartext: Die Fluglinien sollen animiert werden, die Entwicklung leiserer Antriebe voranzutreiben.

Doch dadurch könne dem tieffrequenten Schall Tür und Tor geöffnet werden, da laut Gesetz in dBA gemessen werden muss und dadurch die tieffrequenten Töne unter den Tisch fallen würden. Wenn Flugzeugtriebwerke leiser werden sollen, bestehe die Möglichkeit, dass man ihre Schallentwicklung in den tieffrequenten Bereich verlege, der von der Lärmmessung ignoriert wird: „Nach der Diesel-Affäre von Volkswagen halte ich es für möglich, dass bei der Herstellung leiserer Flugzeugtriebwerke getrickst werden könnte. Nur dass der Schall, den die Antriebe auslösen, dann in den tieffrequenten Bereich verlagern und man dadurch ein neues Lärmproblem schaffen würde“, sagt Weise: „Nachweisen könnten das erst Langzeitstudien, zehn bis 15 Jahre dauern.“

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