„Die Kirmes kann man nicht aufs Handy laden“

Schaustellerchef Thomas Roie über die Zukunft des Rummels

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Seine Welt ist der Rummel: Thomas Roie ist seit 2012 Vorsitzender des Schaustellerverbandes Rhein-Main.

Thomas Roie ist Vorsitzender des Schaustellerverbandes Rhein-Main und Mitglied einer Schausteller-Dynastie. Er verrät, ob die Kirmes immer noch so beliebt ist wie einst, wie sich die Branche im Laufe der Zeit verändert hat und mit welchen Problemen sie fertig werden muss. Von Dirk Beutel

Sie sind Schausteller in fünfter Generation. Wie sehr hat sich der Job in all den Jahren verändert?

Investitionsgrößen haben sich nach oben angepasst. Der 50 Meter Freefall-Tower war dann bislang der Höhepunkt. Sowohl was das Spektakel als auch die Investitionsgröße mit etwa fünf Millionen Euro anbelangt. So eine Summe auf der Kirmes die nur an Wochenenden stattfindet zu erwirtschaften, ist schon eine große Herausforderung. Einige unserer Familien setzen mehr Tradition und haben das Angebot ihrer Würstchenbude angepasst, etwa mit einem nebenan gelegenen Biergarten. Oder man bekommt neben der Currywurst auch einen Hot Dog oder einen Hamburger. Die Schausteller müssen sich noch flexibler und breiter als früher aufstellen, um jede Kirmes, jedes Straßenfest bedienen zu können.

Welchen Einfluss haben solche Investitionen und steigende Nebenkosten auf die Preise?

Das ist ein schmaler Grad, der uns an unsere Grenzen bringt. Natürlich muss das Geld für eine Investition wieder reingeholt werden. Aber die größten Sorgen machen uns tatsächlich die Tageskosten, die allesamt stetig nach oben gehen. Dazu gehören erhöhte Standgelder, Strom- und Personalkosten die wir alle über die Fahrpreise erwirtschaften müssen. Wir können die Fahrpreise aber nicht anpassen, wie wir sie bräuchten. Wir liegen im Schnitt zwischen 15 und 25 Prozent unter der Preisentwicklung in allen Kirmes-Bereichen. Und das bereits seit zehn Jahren. Wir können dennoch für die nächsten Jahre stabile Preise anbieten, weil wir immer mehr Menschen befördern. Es nützt nichts, wenn die Karussellfahrt vier Euro kostet, aber niemand einsteigt.

Fotos: Impressionen von der Herbst-Dippemess 2016

Sind die Besucher nicht anspruchsvoller geworden?

Der Anspruch an das Traditionelle ist auf alle Fälle da. Sonst könnten wir all die Karusselle nicht betreiben. Das sehen wir immer auf den Weihnachtsmärkten, wenn die Erwachsenen plötzlich auf den Pferdchen sitzen und sich freuen. Der Anspruch ist aber auch bei den schnellen Fahrgeschäften da. Aber der Besucher will auch die Schießbude von 1950, um für seine Freundin eine Rose zu schießen, und danach aber das neueste Eis, das er gleich nebenan bekommt. Dazu verlangt der Besucher Freundlichkeit, Sauberkeit eine vernünftige frische Qualität. Ob das eine Wurst, eine Mandel oder Zuckerwatte ist: Das gehört alles zum Gesamtpaket einer attraktiven Kirmes.

Wie haben sich denn bei Volksfesten die Besucherzahlen in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?

In diesem Zeitraum hatten wir eine stetige Steigerung von 20 Prozent. Die Kirmes hatte eine Flaute. Aber man hat sich neu aufgestellt und die Qualität angehoben, bei gleichem Preisniveau. Auch durch anspruchsvollere Vergabekriterien der Veranstalter ist ein neuer Wettbewerb entstanden und die alten betriebsblinden Betriebe haben dann auch eingesehen, dass sie aufrüsten müssen, um weiter existieren zu können.

Verzeichnen nur die großen Volksfeste so einen Besucherzulauf?

Im Gegenteil: Auch bei der Dippemess geht der Trend nach oben. Aber es sind vor allem die kleineren Feste, die Kerb im Dorf, die haben einen riesigen Zuspruch. Der Zusammenhalt in den kleinen Gemeinden wird wieder größer, das Vereinsleben ist stabiler geworden. Da merkt man eindeutig einen Trend, dass die Menschen sich in einer Gemeinde wieder kennenlernen wollen. Und das tun sie auf dem Volksfest.

Fotos: Feuerwehr seilt Fahrgäste aus Dippemess-Achterbahn ab

Und was ist mit der Sicherheit?

Die Sicherheit steht bei uns nicht in der Diskussion. Weil sie nicht in Frage steht, weil sie immer schon im Vordergrund steht. In Deutschland gibt es die sichersten Anlagen weltweit. Wir sind sozusagen zu Hause in der Sicherheit.

Vor knapp zwei Jahren gab es eine Diskussion um EU-Sicherheitsanforderungen für Fahrgeschäfte, die etwa 90 Prozent aller Fahrschäfte zum Stillstand gezwungen hätte.

Das war damals der Stand. Wobei diese Brüssel-Norm einen Bestandsschutz hatte, den Deutschland aushebeln wollte. Das heißt, auch alte Fahrgeschäfte die seit zwanzig Jahren sicher und ohne Probleme gelaufen sind, müssten sich neuen Anforderungen unterziehen. Und dann könnten 90 Prozent dieser Geschäfte nicht mehr laufen. Der Hintergrund dabei ist, dass man auf das ohnehin schon hohe Sicherheitsniveau noch einen draufsetzen wollte. Der TÜV Süd muss dazu ungefähr 800 verschiedene Karuselltypen bundesweit bearbeiten. Seit 2014 hat er ganze drei geschafft. Wenn es sich aber nun konkret um ein Bauteil handelt, dass zu 100 Prozent belastet ist, wollen die Prüfinstitute nicht statt dem alten ein neues einbauen, sondern die Dimensionen des Bauteils erhöhen. Das bedeutet aber, dass dann alle anderen Folgeteile nicht mehr zusammmen passen würden. Und über diese Erweiterungsgrößen wird gerade von unserer Seite verhandelt. Wenn sich jedoch die Institute mit den vorgesehenen Größen durchsetzen, würden wir unser Karussell einstellen. Und das würden sehr wahrscheinlich auch alle anderen Betreiber von Fahrgeschäften bundesweit tun. Geld spielt da die letzte Rolle. Wenn wir die Sicherheit nicht gewährleisten können, würden wir das Fahrgeschäft in die Ecke stellen. Aber: Wenn das Kettenkarussell Nachrüstung für 50.000 Euro bräuchte, muss man sich schon die Frage stellen, ob das noch Sinn macht.

Was ist die größte Bedrohung des Rummels?

Solange wir als Schausteller-Gemeinschaft einen guten Job machen, haben wir unseren Bestand. Denn die Kirmes kann man sich nicht auf das Handy laden. Kirmes muss draußen stattfinden. Und trotz aller digitalen Entwicklungen spüren wir, dass wir wichtig sind für die Gemeinschaft.

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