Tätowierer von Einheitsbrei genervt

„Eure Massen-Tattoos machen unsere Kunst kaputt!“

Region Rhein-Main – Nix mit individuellen Zeichnungen und kunstvollen Mustern: Die meisten, die heute ins Tattostudio rennen, wollen Einheitsbrei – bestehend aus Unendlichkeitsschleifen und Pusteblumen. Den ersten Tätowierern reicht’s jetzt. „Eure Massen-Tattoos machen unsere Kunst kaputt.“ Von Christian Reinartz

„Mittlerweile fühle ich mich oft nicht mehr wie ein Tätowierer, sondern wie ein Stempler“, sagt Adrian Neumann, der mit Künstlernamen Musterknabe heißt. Er meint damit die immer gleichen Motive, die er vielen seiner Kunden stempelgleich in die Haut stechen muss. „Die wollen alle dieselben Tattoos“, sagt er. „Da ist kein Platz mehr für Kunst. Das ist viel zu oft nur noch Massenware.“ Ganz oben auf seiner Negativ-Liste steht die liegende Acht, das Symbol für Unendlichkeit, oder auch Propeller genannt. Gefolgt von Pusteblume und Flattervögeln. „Ich kann diesen Mist nicht mehr sehen.“ Die ewig gleichen Motive empfindet er als Verrat an seiner Kunst. „Ich bin Tätowierer geworden, weil ich mich künstlerisch verwirklich will, nicht um die immer gleichen Abziehbildchen zu stechen.“

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Roland Erbe, Inhaber von Farbfieber Tattoo in Heusenstamm, ist von der Entwicklung enttäuscht. Er hat eine ganz spezielle Form entwickelt, der Einfallslosigkeit der Leute entgegenzutreten. „Ich versuche ihnen sowas auszureden und biete bessere Alternativen“, sagt Erbe. Er sei schließlich auch nicht Tattokünstler geworden, um immer wieder dieselben Motive zu stechen. Wünsche sich etwa jemand eine Unendlichkeitsschleife mit dem Namen seines Hundes darin, empfehle er einen Pfotenabdruck. Statt dem Namen des verstorbenen Vaters könne man auch mit Symbolen arbeiten. 

Lieber etwas wirklich Persönliches stechen

„Wenn der etwa Koch war, kann ich eine Kochmütze einarbeiten. Das ist viel bessere als so ein Propeller, den jedes zweite Mädel auf der Schulter hat.“Auch der Musterknabe versucht, mit den Kunden Alternativen zu finden. „Aber das klappt halt nicht immer“, sagt er. „Am Ende sitze ich dann wieder da und steche so einen Propeller.“

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Roland Erbe sieht Massen-Tattoos kritisch. 

Roland Erbe glaubt zu wissen, welches Problem dahinter steckt. „Es gab ja schon immer Trends“, sagt der 48-jährige Tätowierer. Seit 20 Jahren sticht er seine Bilder in die Haut der Kunden. Damals seien es die Arschgeweihe gewesen, heute die Propeller. „Nur, dass Tattoos mittlerweile den Massenmarkt bedienen und jeder meint, sich tätowieren lassen zu müssen“, sagt Erbe. „Da kommen mitunter Leute, die setzen sich überhaupt nicht damit auseinander, was es heißt, tätowiert zu werden. Die lassen sich so ein Ding stechen und rennen dann drei Wochen später wieder zum Weglasern.“

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Dem Musterknaben geht genau diese Mentalität gegen den Strich. „Was wir hier machen ist Kunst. Wir stechen Bilder in die Haut für den Rest des Lebens. Was die Masse da draußen daraus gemacht hat, ist ein Modeaccessoire und hat mit dem Gedanken des Tätowierens nichts mehr zu tun.“

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Rubriklistenbild: © Christian Reinartz

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