Band Silly im November in der Frankfurter Batschkapp

Anna Loos: „Politiker müssen aufhören, rumzuquatschen“

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Eigensinnig und voller Energie: Die Band Silly – Hans-Jürgen „Jäcki“ Reznicek, Anna Loos, Rüdiger „Ritchie“ Barton und Uwe Hassbecker.

Seit fast 40 Jahren macht die Ost-Berliner Band Silly Musik. In Anna Loos hat sich seit zehn Jahren die neue Sängerin gefunden. Über die AfD, das neue Album „Wutfänger“ und Fantasie sprechen die Mitglieder Anna Loos, Ritchie Barton, Uwe Hassbecker und Jäcki Reznicek im EXTRA TIPP. Von Janine Drusche

Silly war schon zu DDR-Zeiten anders als andere Bands, eigensinniger. Was macht Sie so besonders und was bezwecken Sie damit?

Ritchie: Das ist ja kein Plan gewesen, dass wir anders sein wollten. Das kommt einfach aus uns selbst. Wir haben alles so gemacht, wie wir es wollten und würden es heute nicht anders machen. Das liegt auch bestimmt an der Paarung der Persönlichkeitsmerkmale, die in der Band aufeinandertreffen. Es macht uns einfach aus.

Uwe: Wir sind eben unverwechselbar. Dass das in der Kunst oder Musik gut ist, liegt ja auf der Hand.

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Anna: Nein, mich nervt schon, dass wir in unserem Interview über diese Partei reden. Ein Lied, das wäre zu viel Aufmerksamkeit von uns. Wir haben zu dem Thema eine klare Haltung und die haben wir auch immer offen gesagt. Von Silly wird es an dieser Stelle kein Protestlied geben. Für uns ist die AfD ganz klar keine Alternative für unser Land, aber wir kommen aus dem Osten und wir haben Verständnis für die Leute. Wir lassen uns nicht aufs Glatteis führen. Die Menschen fühlen sich verarscht und alleine gelassen, Sie haben die Schnauze voll und wählen deshalb die AfD. Das ist zwar nicht der richtige Weg, aber sie sehen keinen anderen. Leider leben wir in einer sehr populistischen Zeit. DiePolitiker müssen ihrer Verantwortung gerecht werden und die Ängste der Menschen sehen und darauf reagieren und aufhören, nur dumm rumzuquatschen und endlich auf die Leute, die sie gewählt haben, acht geben.

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Was halten Sie von der Flüchtlingspolitik in Deutschland?

Uwe: Wir haben schon öfter bei Konzerten gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gespielt. Wir leben in einem reichen Land, es geht uns gut und wir können die Menschen nicht vor der Tür stehen lassen. Wir können hier noch ‘ne Menge ab.

Ritchie: Aber wie es mit den Flüchtlingen zeitweise abgelaufen ist, so hätte das nicht passieren müssen: Dass alle unkontrolliert an die Grenzen strömen. Im Moment geht es ja zum Glück wieder, doch das müsste anders angegangen werden. Aber wir sind Musiker, für die Durchführung sind andere verantwortlich.

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Kommen Ihnen bei der Immigrationswelle durch Flucht und Unterdrückung, Emotionen aus der Zeit in Ost-Berlin, in der DDR hoch?

Anna: Nein, die DDR war ja keinKriegsgebiet. Jetzt müssen Menschen ihre Heimat, ihre Familien verlassen, wenn sie überhaupt noch Angehörige haben, weil sie vor Tod und Zerstörung fliehen. Das tut niemand freiwillig. Im Moment ist die Moral der Menschen in den westlich Industrienationen gefragt, die allgemein genug von allem haben. Aber natürlich, bei all der moralischen Verpflichtung dem Rest der Welt gegenüber, dürfen die Menschen hier nicht auf der Strecke bleiben. Es gibt in Deutschland erschreckende Zahlen von Kinder- und Altersarmut, es gibt Leute die arbeiten jeden Tag hart und können von Ihrem Gehalt gerade mal die nötigsten Kosten decken, aber nicht mit ihren Kindern in den Urlaub fahren. Es gibt bei uns soziale Ungerechtigkeit und Menschen, die durch das soziale Netz in Deutschland fallen. Für die müssen wir und die Politiker sich mindestens genauso verantwortlich fühlen.

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Verarbeiten Sie diese aktuellen Themen auch in Ihren Liedern?

Ritchie: Das ganze Album „Wutfänger“ ist ein kritischer Blick auf unsere Zeit. Wir gehen auf viele verschiedene gesellschaftlich relevante und brisante Themen ein, wie Kindesmissbrauch, Drogenmissbrauch, zunehmenden Egoismus, Neid und Dekadenz. Die Kritik geht aber nicht nur in Richtung Politik, sondern hinterfragt auch unser eigenes Verhalten.

Anna, Sie haben ja für das neue Album die Liedtexte geschrieben. Standen Sie vor einer großen Herausforderung?

Anna: Manchmal flutschte es und manchmal nicht. Es war schon eine Herausforderung und nicht immer so leicht. Texter ist ja eigentlich ein eigener Beruf und ich habe mich in den vergangenen Jahren langsam ran gearbeitet. Aber es ist schön zu sehen, wie da erst ein leeres Blatt liegt, das sich langsam füllt. Und ich habe mir ganz am Ende ein wenig Hilfe von Annette Humpe (Anmerk. d. Red.: Ex-Ideal-Sängerin) geholt. Für mich ist sie eine der besten deutschen Texter.

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Wofür steht „Wutfänger“?

Anna: Für jemanden, der die Wut fängt. Wir als Künstler müssen Fragen stellen oder aufwerfen, um die Fantasie der Leute anzuregen, nicht die Erklärung liefern. Das würde die Assoziations-Kette im Keim töten.

Ritchie: Wut ist eine Energie. Die kann man nicht fangen und kaputt machen. Man kann sie nur umwandeln, indem man herausfindet, in welcher Angst der Ursprung für sie liegt. Wir sind immer wieder erstaunt, was da so an Fantasie freigesetzt wird.

Am 6. November spielen Silly in der Frankfurter Batschkapp. Haben Sie einen Bezug zu Rhein-Main?

Jäcki: Ich hab in Frankfurt ganz viel Verwandtschaft, meine Gästeliste ist also voll.

Ritchie: Die Plattenfirma, welche das Album „Bataillon d’Amour“ 1986 in der alten Bundesrepublik veröffentlicht hat, saß inFrankfurt. Daran haben wir viele sehr schöne Erinnerungen. Es sind auch noch ein paar persönliche Kontakte geblieben.

Uwe: Wir kennen noch ein anderes Frankfurt, bei uns ganz in der Nähe – an der Grenze zu Polen. Dort spielen wir auch. Aber in eurem Frankfurt sind wir jetzt schon fast ausverkauft. Das ist doch mal ‘ne geile Meldung für ‘ne sogenannte „Ostband“.

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