Interview mit Gert Möbius

„Rio Reiser wäre gerne Frankfurter geblieben“: Sein Bruder erzählt

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Gert Möbius hat die Tagebücher seines Bruders Rio Reiser in einer Biographie mit dem Titel „Halt dich an deiner Liebe fest“ verarbeitet. Es ist erschienen im Aufbau-Verlag. 

20 Jahre ist es her, dass Rio Reiser starb. Sein Bruder Gert Möbius hat das Leben des Kult-Sängers anhand seiner Tagebücher nachgezeichnet. Im EXTRA TIPP spricht er über Rios erste Freundin und seine Liebe zu Rhein-Main. Von Christian Reinartz

Was haben Sie am Todestag Ihres Bruders gemacht?

Es war sehr bewegend. Ich war am Grab selbst, „Ton Steine Scherben“ haben in der Kapelle gespielt. Abends waren wir dann in Berlin im Heimathafen mit 800 Leuten, die alle Anteil genommen haben. Unter anderen hat Marianne Rosenberg, eine gute Freundin von Rio, gesungen, und ich habe aus meiner Rio Reiser Biographie etwas gelesen. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen ihm, so viele Jahre nach seinem Tod, so viel Anerkennung zu Teil werden lassen.

Diese Menschen erinnern sich vor allem an den Musiker. Welche Erinnerung an Rio fällt Ihnen als Bruder als erstes ein?

Rio hatte einen wunderbaren Humor. Wir beide haben viel zusammen gelacht, auch am Telefon haben wir uns über alles Mögliche und Unmögliche nicht mehr eingekriegt. Aber wir konnten auch gemeinsam schimpfen über all das Böse in dieser Welt. Wir hatten einfach die gleiche Weltanschauung, in nahezu allen Dingen. Rio war nicht nur mein Bruder und mein wichtigster Gesprächspartner. Er war auch mein bester Freund.

Wie haben Sie seinen plötzlichen Tod verkraftet?

Es war ein furchtbarer Schock, den ich bis heute nicht so richtig überwunden habe. Es hat sehr geschmerzt, so dass ich auch Rios Aufzeichnungen und Tagebücher viele Jahre nicht anrühren konnte. Ich hatte Angst davor, so tief in seine oftmals verletzte Seele zu blicken.

Und? Waren Sie überrascht?

Ich war Rio schon sehr nahe. Als Bruder und bester Freund kennt man sich eben. Aber seine ganz persönlichen Probleme hat er immer mit sich alleine ausgemacht. Da wusste auch niemand aus der Band etwas drüber. Die Tagebücher waren Rios ganz persönlicher Beichtstuhl, über seine ganz intimen Probleme.

Welche waren das?

Es ging vor allem um unglückliche Liebe und seine Beziehungen zu seinen Männern, mit denen er in Berlin etwas hatte. Damals war Homosexualität ja noch strafbar, und deswegen klappte es auch mit der Liebe irgendwie nicht. Er litt furchtbar darunter, dass sich seine Freunde nicht zu ihm und ihrem Schwulsein bekennen wollten. Das war damals ein echtes Problem für ihn. Diese ganze Leidenszeit und seine Gefühle währenddessen hat er in den Büchern genau niedergeschrieben.

Haben Sie davon etwas geahnt?

In dieser Tiefe nicht. Auf der einen Seite habe ich mir nach der Lektüre schon überlegt, ob ich ihm hätte helfen können in seiner schweren Zeit in den Jahren 1972 bis 1974. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es nicht gekonnt hätte, denn Rio hätte so eine Einmischung in sein Leben nie zugelassen.

Aber jetzt veröffentlichen Sie es, so dass es jeder lesen kann...

Ja, weil die Tagebücher ein anderes Bild von Rio zeichnen, das bisher kaum einer kennt. Man bekommt ein Stück seiner Seele zu spüren. Und man erfährt auch, dass er furchtbar gelitten hat, aber am Ende schreibt er, dass die harten Zeiten vorbei seien und er positiv in die Zukunft schaue.

Am Ende – Das hört sich an, als ob Rio Reiser die Einträge akkribisch chronologisch geordnet hat. War er so ein ordentlicher Mensch?

Er hat seine Tagebücher sehr sauber geschrieben, ohne durchstreichen zu müssen und auch genau datiert. Er hat das alles im Kopf gehabt. Hunderte Seiten, ohne Fehler und Verbesserungen. So im Nachhinein ist es für mich schon ein Phänomen, was er da zu Papier gebracht hat. Zudem waren es sehr viele Tagebücher und kistenweise Texte mit Gedanken, Prosa, Reimen und allem, was er sich notiert hat. Rio hatte ja immer ein Notizheft dabei, in dem er sich alles Mögliche und Unmögliche notiert hat. Und woraus er dann auch immer wieder den Stoff für seine Songs gezogen hat. Er hat sich wirklich immer alles sehr genau aufgeschrieben.

Vor dieser schweren Zeit haben Sie als Familie von 1965 bis 1967 in Rodgau Nieder-Roden gewohnt. Welche Bedeutung hatte diese Station für Ihren Bruder?

Ich habe in dieser Zeit ja im Frankfurter Jugendhaus „Industriehof“ gearbeitet. Dort haben wir uns häufig getroffen. Da haben Bands gespielt und es gab dort sogar Henningerbier. Wir sind da häufig gemeinsam hin und haben die Zeit hier sehr genossen. Überhaupt hatte Rio eine ganz besondere Beziehung zu dieser Gegend und der Stadt Frankfurt. Es gibt auch einen schönen Song über Frankfurt von meinem Bruder: „Frankfurt Main, Frankfurt, Frankfurt mein....“. Rio wäre gerne Frankfurter geblieben.

Und kein Rodgauer?

Er hat sich auch in Nieder-Roden richtig wohl gefühlt. Zu dieser Zeit war er sehr kreativ. Ich habe ihm damals seinen ersten Verstärker und eine Gitarre gekauft und vor den bösen Buben beschützt. Wir haben ja damals in vielen Gasthöfen in Nieder-Roden und Umgebung gespielt. Das war meistens am Sonntagnachmittag. Da war dann immer viel Dorfjugend da, die es überhaupt nicht witzig fand, dass Rio lange Haare hatte. Mehr als einmal wollten sie sie ihm abschneiden.

Das hört sich aber nicht nach Wohlfühl-Atmosphäre an.

Ich als großer Bruder habe ihn davor natürlich bewahrt. Und nicht zuletzt hat er in Nieder-Roden auch seine erste Liebe gefunden. Damals stand er noch auf Mädchen. Sie hieß mit Spitznamen Tutti. Das war eine ganz besondere Zeit für ihn. Ich bin dann 66 nach Berlin gezogen und habe Rio ein Jahr später nachgeholt. Schnell war klar, dass wir in Berlin bleiben, weil dort in musikalischer Hinsicht einfach mehr möglich war.

Auch heute noch beschützen Sie Ihren kleinen Bruder Rio Reiser, indem Sie sich um die Erhaltung seiner Werke und seines Andenkens kümmern. Wie fühlt man sich dabei?

Es ist eine ganz große Anstrengung. Denn dabei wird man zwangsläufig auch immer wieder mit seinem Tod konfrontiert. Das kommt unweigerlich immer wieder an mich ran und ist sehr belastend. Ich bin bis heute nicht darüber hinweggekommen. Aber ich will ja, dass seine Songs weiter aktuell bleiben. In dieser Arbeit stecken viele traurige Elemente. Aber der Wille sein künstlerisches Schaffen zu erhalten, ist für mich eine sehr große Verpflichtung.

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