„Frankfurt braucht sich nicht hinter Berlin verstecken“

Städel-Chef Philipp Demandt setzt auf Digital-Ausbau

+
Philipp Demandt leitete die Alte Nationalgalerie in Berlin. Seit Oktober ist er Direktor des Städels, der Schirn und des Liebieghauses.

Philipp Demandt ist neuer Direktor des Städel Museums, der Kunsthalle Schirn und der Skulpturensammlung Liebieghaus. Der 45-jährige Kunsthistoriker erklärt, wie er das Erbe von Max Hollein weiterführen und das Frankfurter Kunst- und Kulturangebot ins digitale Zeitalter führen möchte. Von Dirk Beutel

Herr Demandt, was war Ihre erste Amtshandlung als neuer Dreifach-Direktor?

Ich habe eine Mail an meine neuen Kollegen geschrieben und einen Besuch in den kommenden Tagen angekündigt. Zunächst einmal will ich alle Abteilungen gut kennenlernen, von der Technik bis zur Restaurierung, vom Ausstellungsdienst bis zur Verwaltung, von der Kommunikation bis zur Gastronomie. Kulturinstitutionen sind große logistische Betriebe, da geht es nicht nur um Kunst. Dann stand auch schon ein Mittagessen am Tag der Deutschen Einheit mit zwei hoch engagierten Unterstützerinnen von Städel, Schirn und Liebieghaus auf dem Programm. Es ist wirklich eindrucksvoll, was Frankfurts Bürger für ihre Institutionen leisten.

Worin bestehen die größten Unterschiede zwischen Berlin und Frankfurt im Hinblick auf das kulturelle Angebot?

Der Reichtum an kulturellen Angeboten ist in beiden Städten enorm! In Berlin aber ist er zahlenmäßig größer, weil die Stadt nun einfach etwas größer ist. Von der Qualität des dargebotenen Angebotes braucht sich Frankfurt mit seinem Museumsufer, der Bühnen und Konzerthäuser allerdings nicht hinter Berlin zu verstecken. Ein zentraler Unterschied ist allerdings, dass man in Frankfurt weitestgehend alle Angebote einfach mit dem Fahrrad erreichen kann, während in Berlin die Anreise zu den entlegeneren Museen schon mal einen halben Vormittag in Anspruch nehmen kann.

Ihr Vorgänger Max Hollein hatte 15 Jahre die Dreifachstelle. Wie werden die Kunstinteressierten etwas von einem Wechsel an der Spitze mitbekommen?

Bevor man Dinge ändert, muss man sie gründlich kennen. Und das braucht Zeit. Museen und Kunsthallen müssen ja weit im Voraus planen, und auch die Planungen für Frankfurt sind weit fortgeschritten. Und auf den ersten Blick sehe ich wenig Änderungsbedarf, denn alle drei Häuser stehen fantastisch da. Aber natürlich prägen die Menschen, die in Kunstinstitutionen arbeiten oder sie leiten, diese sehr. Insofern wird man meine Handschrift sicher bald auch erkennen.

Sie leiten seit Anfang Oktober die eher experimentell angelehnte Schirn, gemeinsam mit dem traditionsreichen Frankfurter Städel. Welche dieser beiden Kunstströmungen reizt Sie persönlich mehr und warum?

Ich mache da persönlich gar keine so großen Unterschiede und würde niemals pauschal sagen können, dass mich eine Kunstströmung oder Epoche mehr reizt als eine andere. Letztendlich geht es doch um Qualität und darum, ob es einem Kunstwerk gelingt, mich zu berühren. Es reizen mich Fragen nach der gesellschaftlichen Bedeutung der Kunst, was Kunst wiederum mit der Gesellschaft macht, und was wir daraus für die heutige Zeit und das eigene Leben ablesen können. Entscheidend ist aber der zeitgenössische Blick. Es geht im Grunde genommen darum, die gesellschaftliche Verortung von Kunst sichtbar zu machen. Dabei ist es dann völlig egal, ob ich mir diese Fragen bei einer 600 Jahre alten Skulptur oder einer zehn Jahre alten Videoinstallation stelle.

Können Sie schon verraten, was Sie programmatisch für Frankfurt ins Auge gefasst haben?

Dass man schnell den Kopf voller Ideen hat, bleibt nicht aus. Mich interessieren zum Beispiel derzeit die 1950er- und 1960er-Jahre sehr. Aber Kunstinstitutionen sind komplexe Gebilde und man tut gut daran, seinen zukünftigen Kollegen zunächst einmal gründlich zuzuhören und erst dann Ideen gemeinsam zu entwickeln. So möchte ich das auch in Frankfurt halten.

Ihr Vorgänger sah die Zukunft in der digitalen Erweiterung des Städel Museums. Werden Sie diesen Weg weitergehen und sollen auch das Liebieghaus und die Schirn digital aufgerüstet werden?

Unbedingt. Die digitale Erweiterung ist dann richtig und wichtig, wenn sie die Kernaufgaben des Museums sinnvoll unterstützt und weiterträgt: Sammeln, Bewahren, Forschen und Vermitteln. Im Liebieghaus nutzen wir zum Beispiel vollautomatische 3D-Scanner zur Erfassung unserer Skulpturen. Und mit Blick auf die Schirn müssen wir ebenfalls nicht von „Aufrüstung“ sprechen. Gerade die Schirn hat in den vergangenen Jahren ihre Vorreiterrolle in der integrierten Online-Kommunikation mit zahlreichen digitalen Entwicklungen und Anwendungen behauptet. Dazu gehört ein Digitorial genauso wie die Audioguide-Apps oder eben der Relaunch der Website, die für die Besucher wie ein digitaler Begleiter vor, während und nach dem Ausstellungsbesuch funktioniert.

Wie wollen Sie es schaffen, das kulturelle Angebot Ihrer Einrichtungen auch für jüngere Menschen attraktiv zu machen? Sie stehen schließlich in harter Konkurrenz zu YouTube, Snapchat und Facebook.

Wir stehen nicht in Konkurrenz zu YouTube, Snapchat und Facebook oder anderen Social Channels, sondern wir nutzen diese Kanäle, um eben alle Altersgruppen für Kunst zu begeistern. Gerade die Schirn ist ein Haus, das vor allem auch junge Menschen anzieht. Wir entwickeln aus den Ausstellungen heraus Geschichten, die wir in den unterschiedlichen Kanälen erzählen können oder wir konzipieren speziell für einzelne Kanäle Aktionen, wie etwa das Künstler den Schirn-Instagram-Account übernehmen oder vom Ausstellungsaufbau auf Snapchat erzählen. Oder wir übertragen eine Performance live auf Facebook. Die Möglichkeiten sind groß und es geht vielmehr darum, das Potential verantwortungsvoll zu nutzen.

Das könnte Sie auch interessieren: Batschkapp-Chef rockt seit 40 Jahren: „Früher war gar nichts besser!“

Vom Palmengarten in die Therme - Frankfurts Oasen im Winter

Die zehn beliebtesten Museen in Deutschland

Keine Neuigkeiten und Gewinnspiele mehr verpassen? Dann einfach EXTRA TIPP-Fan auf Facebook werden!

Mehr zum Thema

Kommentare