56-Jähriger aus Langstadt ist verzweifelt

Deshalb lebt ein Obdachloser auf dem Friedhof Babenhausen

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Andreas Kissel vor dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Hier lebt der 56-Jährige seit elf Wochen.

Babenhausen - Andreas Kissel lebt seit elf Wochen auf dem Friedhof in Babenhausen-Langstadt. Im Ort schütteln viele den Kopf über den 56-Jährigen. Doch der hat nur einen Traum: Ab nach Bulgarien, zu seiner großen Liebe. Von Kristina Bräutigam

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Andreas Kissel sitzt auf der Bank vor dem Friedhof im Ortsteil Langstadt. Er ist müde. „Ich krieg kein Auge zu, es ist furchtbar“, sagt er. Seit elf Wochen lebt der 56-Jährige auf dem Friedhofsgelände. Als Schlafplatz dient eine Gartenliege vor dem Eingang der Katholischen Kirche um die Ecke. Zum Waschen und Rasieren geht er in den Toilettenraum der Leichenhalle. „Das ist alles, was mir geblieben ist“, sagt Andreas Kissel und zeigt auf die Plastiktüten und Lederkoffer, in denen er sein Hab und Gut verstaut hat.

Viele Jahre lebte der Langstädter in seinem Elternhaus, knapp 500 Meter vom Friedhof entfernt. Bis vor einem Jahr der Vater stirbt und die Mutter wegen ihrer Demenzerkrankung einen gesetztlichen Betreuer bekommt. Der ist laut Andreas Kissel Schuld an seiner Misere: „Er hat meine Mutter gegen meinen Willen in ein teures Pflegeheim gesteckt. Und um das zu bezahlen, hat er das Haus verkauft und mich rausgeworfen“. Alles unwahr, sagt der gesetzliche Betreuer, Rechtsanwalt Hans Magnus Risberg: „Herr Kissel wusste bereits im November, dass er aus dem Haus raus muss. Ihm wurde fristgerecht gekündigt.“

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Andreas Kissel fühlt sich nicht nur rausgeekelt: Der Arbeitslose wartet seit Wochen auf 36.000 Euro, die ihm als Pflichtanteil aus dem Hausverkauf zustehen. Am 10. Mai sollte er das Geld erhalten. „Aber ich habe bis heute keinen Cent gesehen“. Der Kaufpreis werde erst fällig, wenn alle sogenannten Fälligkeitsvoraussetzungen erfüllt sind, sagt Anwalt Risberg. „Noch fehlt die Sterbeurkunde einer Verwandten. Ich weiß selbst nicht, wann der Vorgang rechtskräftig wird. Das kann sechs Wochen dauern“. 

Ex-Prostituierte ist seine große Liebe

Dabei braucht Andreas Kissel das Geld dringend. Er hat Schulden, ist arbeitslos. Und er will nach Bulgarien: Hier lebt seine große Liebe Asia, eine ehemalige Prostituierte, die er vom Strich geholt habe. „Ich hatte nie eine Familie. Asia und ihr Kind sind alles für mich, ich will mit ihnen leben“, sagt der 56-Jährige und weint. Er weiß, dass die Leute im Ort über ihn reden. Für sie ist er der Andy, der sich von einer aus dem horizontalen Gewerbe ausnehmen lässt. „Er ist ein lieber Kerl. Aber leider auch sehr naiv“, sagt auch Freund Rudi, der täglich am Friedhof vorbeikommt. 

Andreas Kissel ist das Gerede egal. Alles, was er will, ist sein Pflichtanteil vom Hausverkauf. Nicht nur für Bulgarien braucht er das Geld: Wegen Beleidigung einer Amtsmitarbeiterin wurde der 56-Jährige zu einer Geldstrafe verurteilt. Da er die 500 Euro nicht aufbringen kann, droht ihm nun eine sechswöchige Vollstreckungshaft. „Ich will meinen Anteil, sonst geht es mit mir den Bach runter“, sagt er. 

Jeden Tag fürchtet er, vom Friedhof verwiesen oder ins Gefängnis gebracht zu werden. „Diese Angst macht mich fertig“, sagt Andreas Kissel, der im vergangenen Jahr 22 Kilo abgenommen hat.  Die Stadt Babenhausen habe angeboten, ihn in ein Obdachlosenheim zu bringen. Doch er hat abgelehnt. „Unter Alkoholikern, das ist nichts für mich“, sagt Andreas Kissel, der seit Jahren keinen Alkohol mehr anrührt. „Mich hält die Liebe aufrecht.“

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