Im „Bewerber-Café plus“ sind Zeugnisse zweitrangig

So hilft Kronberger Projekt Flüchtlingen bei der Jobsuche 

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Marion Hollandt von der Flüchtlingsberatung im Dekanat Kronberg geht mit Nedal Bakr aus Syrien den Lebenslauf durch.

Kronberg - In seiner Heimat Syrien und später im Libanon war Nedal Bakr 20 Jahre als Schreiner beschäftigt, führte einen Betrieb. Ihm und anderen Flüchtlingen hilft das „Bewerber-Café plus“ in Kronberg. Zeugnisse sind hier zweitrangig. Von Oliver Haas

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Stolz zeigt Syrer Nedal Bakr auf seinem Smartphone imposant verschnörkelte Küchen und Holztüren, die er einst selbst schreinerte. Der 36-Jährige hat in seinem Geburtsort Aleppo den Schreinerberuf von der Pike auf gelernt, später führte er als Meister einen Betrieb im Libanon. Davon ist er derzeit weit entfernt. Seit einem Jahr lebt Nedar Bakr als Flüchtling in Deutschland. Sein sehnlichster Wunsch ist es, wieder als Schreiner seiner Passion nachzugehen. Hilfe bei den Bewerbungen erhofft er sich von der Flüchtlingsberatung im Dekanat Kronberg.

Im Dezember 2015 startete diese mit dem Jugendmigrationsdienst des Diakonischen Werks Main-Taunus das Projekt „Bewerber-Café plus“. Ziel des Projektes ist es, Flüchtlingen bei der Arbeits- und Ausbildungsplatzsuche zu helfen.

„Das Projekt läuft sehr gut. Nach wie vor besteht bei den Flüchtlingen ein enormer Bedarf nach Unterstützung bei der Arbeitsplatzsuche. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist ja nicht nur für die Existenzsicherung, sondern auch für die erfolgreiche Integration in die Gesellschaft ein wesentlicher Faktor“, so Diakonin Elke Lentz.

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Dank einer Gesetzesänderung aus dem vergangenen Jahr können Asylbewerber bereits nach drei Monaten mit einer Arbeitserlaubnis nach Arbeit suchen. „Dabei muss man natürlich bedenken, dass die Menschen neu in Deutschland und somit auch auf dem Arbeitsmarkt sind. Sie haben nicht nur Probleme mit der Sprache, sondern auch Schwierigkeiten bei der Stellensuche, beim Vorstellungsgespräch und müssen sich insgesamt an ein völlig neues System gewöhnen“, sagt Lentz. Die größte Hürde sei dabei oft der Lebenslauf. „Die Vorstellung, dass man bei einem Arbeitgeber schriftliche Dokumente braucht, um einen festen Arbeitsplatz zu bekommen, ist für viele ungewohnt.“ Diese Verwunderung erlebe sie nicht nur bei Menschen, die in ihrer Heimat einfache Hilfsarbeiten ausgeführt haben, sondern auch von hochqualifizierten Kräften.

Erfahrungen oft wichtiger als Zertifikate

Auch wenn das Dekanat bei der Arbeitsplatzsuche mit der Agentur für Arbeit zusammenarbeite, so verfolgen die Mitarbeiter insgesamt einen anderen Ansatz. „Bei uns ist es vor allem die Berufserfahrung, die jemand hat, und die wollen wir insbesondere in den Lebensläufen der Menschen finden.“ Deshalb rät Elke Lentz auch Arbeitgebern dazu, nicht darauf zu bestehen, dass jeder Flüchtling für jede Arbeit Zertifikate vorlegen muss. Sie würde in den Job-Workshops und Beratungsstunden stets viele talentierte Menschen sehen. „Wir haben hier Akademiker und auch viele Handwerker.“ Die hätten zwar oft keine Zeugnisse, aber viel wertvolle Erfahrung.

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