Experten schlagen Alarm / Ausgebildete Lehrer Mangelware

Weil Lehrer fehlen: Stirbt der Musikunterricht aus?

+
Musikunterricht in der Grundschule: Immer öfter wird er gestrichen oder von fachfremden Lehrern unterrichtet.

Region Rhein-Main - Weil qualifizierte Lehrer fehlen, gerät der Musikunterricht an vielen Grundschulen immer mehr aufs Abstellgleis. Dabei ist die musikalische Bildung für Kinder wichtig, warnen Verbände. Ein Problem: Studierte Musiker wollen nicht an die Grundschule. Von Kristina Bräutigam

Lesen Sie dazu auch:

Schüler lernen die deutsche Nationalhymne nicht mehr 

Frankfurter Grundschule trickste mit Zahlen

Führende Experten sind sich einig: Wer Musik macht, ist selbstbewusster, aufnahmefähiger und sozial kompetenter. Doch ausgerechnet in der Grundschule, wo Kinder an das Musizieren herangeführt werden, rangiert das Fach Musik auf dem Abstellgleis: Denn der Musikunterricht wird immer öfter getrichen. Ein untragbarer Zustand, warnt Hans-Joachim Rieß, Landesgeschäftsführer vom Verband deutscher Musikschulen in Hessen: „Das Schulfach Musik steht in der Gefahr der Implosion. Das Schulwesen kommt nicht mehr seiner prinzipiellen Aufgabe nach, alle Kinder allgemeinbildend in die Musikkultur einzuführen“.

Auch Volkhard Stahl, Landesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schulmusiker in Hessen (VDS), beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Statt Musik vollwertig in den Stundenplan zu integrieren, wird er komplett gestrichen oder läuft nebenbei.“ So sei es an vielen Grundschulen üblich, dass die Fächer Kunst, Werken und Musik von einem Lehrer unterrichtet werden. „Ist der kein ausgebildeter Musiklehrer, gibt es eben keinen Musikunterricht“, sagt Stahl.

Ausgebildete Lehrkräfte sind Mangelware

Genau hier liegt das Problem: Es fehlen ausgebildete Lehrkräfte. Auch im Rhein-Main-Gebiet werden im laufenden Schuljahr 2016/17 noch dringend Musiklehrer gesucht. „Im Grundschulbereich sind ausgebildete Lehrkräfte, die also zwei Staatsexamina haben, mit dem Fach Musik kaum zu finden“, erklärt Birgitta Hedde vom Staatlichen Schulamt für den Landkreis Groß-Gerau und den Main-Taunus-Kreis. Erschwert werde die Situation, weil viele Lehrkräfte in den Ruhestand gegangen seien. Auch im Staatlichen Schulamt für Stadt und Landkreis Offenbach ist der Bedarf an ausgebildeten Lehrern groß. „Oft werden externe Kräfte eingestellt, etwa Lehrer von Musikschulen, um das Fach unterrichten zu können“, sagt die stellvertretende Amtsleiterin Susanne Meißner.

Fotos: Das ist die Schulkleidung der Ernst-Reuter-Schule

An den Musikhochschulen gebe es genug Nachwuchs, sagt Stahl. Doch statt sich nach dem Abschluss vor eine Klasse zu stellen, ziehe es die Musiker zum Orchester. Dass am Ende nur wenige einen der begehrten Plätze ergattern und es oft nur Zeitverträge gibt, wüssten die wenigsten Studenten. „Ein Großteil wird für die Arbeitslosigkeit ausgebildet“, sagt Volkhardt Stahl. Um neue Musiklehrer zu finden, müssten auch die Musikhochschulen selbst in die Pflicht genommen werden. „Schon bei der Aufnahmeprüfung müssen die Institutionen anders herangehen. Nicht jeder hat die künstlerische Qualität für eine Solokarriere. Aber vielleicht kann aus ihm ein guter Pädagoge werden“, sagt der Landesvorsitzende.

Als Musiklehrer winke nicht nur eine Festanstellung mit guter Bezahlung. Auch der Unterricht sei heute vielfältiger als früher. „Ein Musiklehrer muss dirigieren können, ein Gefühl für die Musikgenres haben, um die Schüler abholen zu können, und Instrumente beherrschen“, sagt Stahl. 

„Musizieren bringt den Schülern Spaß"

Dass Kinder und Jugendliche vom Musikunterricht profitieren, ist für ihn bewiesen. „Die Schüler, die ein Instrument lernen, sind hochengagierte, verlässliche Menschen, die sich und ihre Leistung selbst reflektieren können“. Davon abgesehen bringen Singen, Musizieren, Tanz, Hör- und Rhythmusaufgaben jede Menge Spaß. „Sechs Stunden Lernen und dann noch Hausaufgaben. Da brauchen Kinder solche Freiräume“, sagt Stahl.

Haben die Grundschulen es geschafft, die Lust am Musizieren zu wecken, droht spätestensab der fünften Klasse das nächste Dilemma. Denn dank Ganztagsschulen und Turboabitur haben Schüler immer weniger Zeit für Gitarre und Co. Ein Rückgang der Anmeldezahlen an hessischen Musikschulen sei zwar nicht zu verzeichnen, versichert Hans-Joachim Rieß. Die Zeit zum Üben und Musizieren werde allerdings immer geringer.

Das könnte Sie auch interessieren: Kommentar: Musik ist mehr als nur Noten

Das Schiff schläft nie: Feiern auf einer Full Metal Cruise

Keine Neuigkeiten und Gewinnspiele mehr verpassen? Dann einfach EXTRA TIPP-Fan auf Facebook werden!

Kommentare