Manchmal Faustschläge statt Sahnetorte

Moderatorin Bärbel Schäfer über Trauer, Talkshows und Kinosucht

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Bärbel Schäfer stand in den Neunzigern mit ihrer Talkshow im Rampenlicht. Momentan beschäftigt sie das Thema Tod. Foto: nh

Frankfurt - Durch ihre Talkshow wurde sie in den Neunzigern bekannt. Bärbel Schäfer lebt im Frankfurter Westend. Nach zwei Schicksalsschlägen hat die Moderatorin das Buch „Ist da oben jemand?“ geschrieben. Nun spricht sie über den Verlust von Bruder und Vater. Von Janine Drusche

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Wovon handelt Ihr neues Buch „Ist da oben jemand?“?

Es ist mein persönlichstes Buch und handelt von zwei Schicksalsschlägen: Dem Tod meines Vaters und dem plötzlichen Unfalltod meines Bruders vor drei Jahren. Es beschäftigt sich mit dem Vermissen und handelt von existenziellen Gefühlen. Davon, dass der Tod einen jederzeit berühren kann.

Standen Sie Ihrem Bruder nahe?

Ich war gerne die ältere Schwester. Wir standen ständig im Kontakt, haben zusammen eine Firma gegründet. Ich habe nicht nur meinen Bruder, sondern auch – sehr plötzlich – einen engen Freund verloren.

Sie haben Ihren früheren Lebensgefährten Kay-Uwe Degenhardt auch durch einen Unfall verloren. Spielt diese Erfahrung mit hinein?

Dass einem so etwas zweimal passiert, erscheint unwirklich. Man glaubt, so etwas wiederholt sich nicht, aber das ist nicht unmöglich. Das Thema des Buches ist Tod und Trauer. Es geht mehr um den plötzlichen Unfalltod meines Bruder, der mir zu schaffen machte. Auch der langwierigere Tod meines Vater spielt eine Rolle, aber nicht der meines früheren Lebensgefährten Kay-Uwe Degenhardt.

Also zwei Schicksalsschläge parallel...

Als die Polizisten vor der Tür standen, dachte ich darüber nach, wie ich das noch meinem Vater beibringen soll. Der Schock stand dem langsamen Abschied gegenüber. Meinem Bruder konnte ich keine Fragen mehr stellen, während bei einer schleichenden Krankheit nochmal alte Wunden geöffnet und eventuell verarbeitet werden können. Es ist nicht vergleichbar, aber schlimm ist, dass beide gehen.

Möchten Sie mit dem Buch die Erlebnisse verarbeiten oder anderen Trauerbegleitung geben?

Beides nicht, es gibt keinen Maßstab zu trauern, denn jeder hat eigene Trauernarben. Erst kommt der Schock, dann jeden Tag der Schmerz. Den kennen alle, die einen Nahestehenden verloren haben. Ich nehme die Leser mit auf eine Trauer-Reise. Es ist keine Trauerbegleitung, weil Trauer individuell stattfindet, auch keine Therapie für mich, sondern ein Fensteröffnen für Trauer, um sie zu teilen.

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Was ist also das Ziel des Buches?

Da die Gefühle sowieso in mir sind, schreibe ich meine Gedanken auf. Es nützt nichts, sie wegzuschieben. Sie zu veröffentlichen ist besser, als alleine im Zimmer über den Schmerz zu schreiben. Es gibt ja nicht nur traurige, sondern auch schöne Momente, an die man sich dabei erinnert – die den Verstorbenen am Leben erhalten. Das Buch ist also eine Art Trostpflaster. Man kann damit den leeren Raum, in dem jemand fehlt, nicht stopfen, aber damit die Menschen berühren.

Was raten Sie Leuten, die kürzlich jemanden verloren haben?

Wenn der Tod einmal unter die Haut gekrochen ist, muss man die gemeinsamen Glücksmomente festhalten. Mir hilft dabei, in die Natur zu gehen.

Haben Sie denn schonmal am Leben gezweifelt?

Am Leben nicht. Am Tod zweifle ich, denn er ist sinnlos – und willkürlich. Ich musste kurz innehalten, aber der Sinn des Lebens ist, das Leben zu spüren und die Herausforderungen anzunehmen. Es gibt nicht nur Sahnetorte, sondern auch mal Faustschläge oder Achterbahnen – es muss weitergehen, auch in schwierigen Zeiten.

Bisher war Gott keine Option für Sie, um Trauer zu bewältigen?

Manche Gläubigen ziehen Kraft aus dem Gebet. Ich habe mich in meinem Buch damit beschäftigt, ob es für mich auch eine solche religiöse Kraftquelle gibt, die ich anzapfen kann.

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Apropos Kraft: Sie kümmern sich um trauernde Jugendliche, versuchen, ihnen Kraft zu geben?

Ich bin bei Trauerland aktiv, einer Organisation, bei der Kinder von erkrankten, verunglückten oder durch Suizid gestorbenen Eltern zusammen trauern können. Das ist eine Idee aus Amerika: Kinder trauern anders, dafür soll Raum geschaffen werden, beispielsweise durch Kreativität oder das Rauslassen der Wut. Ich unterstütze einen Treffpunkt für traurige Kinder.

Früher hatten Sie in Ihrem Talkshow-Studio auch weinende Menschen sitzen, die eher belächelt wurden. Heute versuchen Sie, Menschen anders zu unterstützen. Wie kommt es zu diesem Wandel?

Journalisten haben viele Wege, Emotionen und Gefühle darzustellen, das ist ja das Spannende. Talkshows waren ein Phänomen der Neunziger. Es war damals neu, dass Nicht-Prominente zu Wort kamen. Wir haben uns auf einer Experimentierstation befunden, hatten Spielraum und viel ausprobiert. Damals war alles witzig und wild, das pralle Leben eben. Ich denke jeder, der in solche Talkshows kam, wusste worauf er sich einließ. Heute hat sich die Zeit weitergedreht, und nun gibt es andere Formate.

Sie leben mit Ihrer Familie im Frankfurter Westend. Was sind Ihre liebsten Ecken im Rhein-Main-Gebiet?

Ich bin sehr gerne am Main unterwegs, ob zu Fuß oder mit dem Rad und dem Hund. Ich gehe gern in Frankfurt Kaffee trinken und bin Dauergast im Schauspielhaus. Und in den Arthouse-Kinos bin ich mindestens ein- bis dreimal wöchentlich, ich bin nämlich ein Kino-Junkie. Deshalb eröffne ich an diesem Wochenende auch noch das Jüdische Filmfest in Frankfurt.

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