Immer mehr Menschen leiden darunter

Leben mit Chaos im Kopf: Eine Erwachsene mit ADHS packt aus

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Wenn sich ADHS-Betroffene zwingen ruhig zu bleiben, haben sie das Gefühl, es zerreißt sie innerlich.

Region Rhein-Main – ADHS steckt längst nicht mehr in den Kinderschuhen. Immer häufiger wird die Störung bei Erwachsenen diagnostiziert. Anders als Kinder leiden sie oft jahrelang – ohne zu wissen warum. Im EXTRA TIPP schildert eine Betroffene, wie sich ADHS anfühlt. Von Christian Reinartz

ADHS-Spezialistin Dr. Sabine Krämer

„Wenn andere ruhig dasitzen und entspannen, spüre ich eine furchtbare innere Unruhe, einen unbändigen Tatendrang“, sagt Nadine Schuster. Sie ist 32 Jahre alt und leidet an ADHS, dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Hauptsächlich Kinder erhalten die Diagnose. Aber auch immer mehr Erwachsene werden jetzt daraufhin behandelt. „Diese Situationen sind ein echtes Dilemma. Wenn ich mich zwinge ruhig zu bleiben, habe ich das Gefühl, es zerreißt mich, und die Unruhe wird noch schlimmer“, sagt Schuster. „Wenn ich dem nachgebe, fange ich zahlreiche Dinge im Haushalt an, führe sie aber nicht zu Ende.“ Wolle sie zum Beispiel die Spülmaschine ausräumen, seien danach unter Umständen alle Küchenschränke ausgeräumt und sie sei dabei ein Brot zu backen. „Ich merke dann selbst, dass ich mich auf nichts wirklich konzentrieren kann.“

Schuster ist mit ihrem Problem aber nicht allein. Die Diagnosezahlen von ADHS im Erwachsenenalter steigen – auch, weil mittlerweile immer mehr Mediziner diese Störung bei Älteren auf dem Schirm haben.

Dagmar Dietz etwa leitet in Frankfurt eine Selbsthilfegruppe von ADHS-Betroffenen. Diese treffen sich regelmäßig, tauschen sich über ihre Probleme im Alltag aus und geben sich Tipps und Tricks, wie man mit der Störung besser leben kann. „Man bekommt bei uns Verständnis für seine Situation. Alle kennen hier dieselben Probleme“, sagt Dietz. „Zudem sind die Schwierigkeiten, um die es geht, bei allen ziemlich ähnlich. Am Ende profitieren alle Teilnehmer voneinander, weil man ganz viele Ideen mit nach Hause mitnimmt, die man dann umsetzen kann.“

Betroffene haben langen Leidensweg

Die ADHS-Spezialistin Dr. Sabine Krämer kennt solche Fälle nur zu gut. „Diese Patienten haben oft eine lange Geschichte hinter sich, denn die Störung beginnt ja nicht erst mit der Diagnose.“ Oft hätten sie schon in der Kindheit und während des gesamten Jugendalters schwer unter den Folgen der Störung gelitten: Soziale Probleme, Ausgrenzung und schulischer Misserfolg. „Oft kommt es auch im Berufsleben zu Problemen“, sagt Krämer. Dann etwa, wenn die Störung die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. „Wenn die Menschen dann bei mir landen, geht es meistens aufwärts“, sagt Krämer. „Dann bekommen sie eine richtige Diagnose und wir können sie behandeln.“

Behandlung heißt in diesem Fall oft: Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat, wie etwa Ritalin. Das Medikament genießt in der Öffentlichkeit keinen besonders guten Ruf. Ihm hängt auch das Vorurteil an, dass überforderte Eltern ihre Kinder bloß ruhig stellen. „Aber das stimmt nicht“, stellt Sabine Krämer klar. „Diese Medikamente bringen den Dopamin-Haushalt wieder auf ein normales Level“, erklärt die Ärztin.

Online-Training soll helfen

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Aber auch spezielle Coachings oder Verhaltenstherapien können zu einer Verbesserung der Symptome führen. Krämer selbst hat sogar ein entsprechendes Online-Training entwickelt (www.selbsthilfe-programm.de). Behandlungen versprechen also Erfolg. Krämer: „Dann können Patienten in der Regel wieder ein normales Leben führen.“ Das heißt aber auch: Alle vier bis sechs Stunden muss unter Umständen eine Pille geschluckt werden. Damit der Spiegel nicht absteigt und die Unruhe wiederkehrt. Nadine Schuster weiß, wie sich das anfühlt. „Wenn ich mal eine Tablette vergessen habe, merke ich das unter Umständen gar nicht. Aber mein Umfeld reagiert, wenn ich mich dann beim Kücheaufräumen wieder verzettelt habe.“

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