Altenheimleiter kämpft gegen skandalöse Bedingungen in Pflegeheimen

Kritik an der Pflege: „Wir kratzen am Rand zur Vernachlässigung“

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Michael Graber-Dünow, Heimleiter des Justina Von Cronstetten Stifts, unterhält sich mit der 95 Jahre alten Bewohnerin Ingeborg Teplitz-Sembitzky über ihr Wohlbefinden.

Frankfurt - Michael Graber-Dünow ist die traurigen Zustände in Altenheimen leid: Als Leiter des Justina Von Cronstetten Stifts in Frankfurt kämpft er für eine bessere Pflege. Mit dem EXTRA TIPP hat er über den Kampf und sein neues Buch gesprochen. Von Janine Drusche

Würden Sie selbst später einmal in ein Altenpflegeheim ziehen?

Wenn es sich vermeiden lässt, nicht. Das liegt nicht nur an den Zuständen, sondern auch daran, dass man in der vertrauten Umgebung bleiben möchte. Wenn es zuhause nicht mehr geht, und ich wegen der Versorgung in ein Heim muss, möchte ich wenigstens unter menschenwürdigen Bedingungen leben. Und beispielsweise nicht gezwungen sein, mit völlig Fremden in einem Zimmer zu wohnen.

Geht es denn so menschenunwürdig in Altenpflegeheimen zu?

Ist es menschenwürdig, wenn ich gezwungen bin, in die Hose zu machen, weil keiner da ist, der mich auf die Toilette bringen kann? Dafür, dass wir im Wohlstandsland leben, sind die Heime zu schlecht ausgestattet.

Woran liegt das? Gibt es zu wenig Pflegepersonal?

Eine Altenpflegekraft kümmert sich unter optimalen Bedingungen – das heißt, wenn alle Planstellen besetzt sind – um durchschnittlich 11,6 Heimbewohner. Nachts sind es 50. Das ist aber längst nicht überall so. In der Realität sind es eher 15, 16 Bewohner, die von einer Kraft versorgt werden müssen. Das ist am Rand zur gefährlichen Pflege, zur Vernachlässigung. Das kann nicht das Ziel der Altenpflege sein. Wir haben schlichtweg einen Pflegenotstand.

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Was bedeutet der Pflegenotstand für die Pflegeheime?

Der Pflegenotstand hat zwei Dimensionen: Erstens gibt es zu wenig Planstellen, das heißt, ich kann nicht mehr Leute anstellen, weil ich es nicht bezahlt bekomme. Die Bemessung, die auf Länderebene läuft, ist viel zu niedrig. Und zweitens gibt es einfach zu wenig ausgebildete Pflegekräfte. Das heißt, selbst die vorhandenen Planstellen können oft nicht qualifiziert besetzt werden. Der Beruf des Pflegers wird viel zu schlecht bezahlt und hat ein zu mieses Image in der Gesellschaft. Deshalb habe ich unter anderem ja das Buch geschrieben.

Womit beschäftigt sich Ihr Buch und an wen richtet es sich?

Ich bin jetzt seit 40 Jahren, seit dem Zivildienst, in der Altenhilfe tätig, habe Erfahrungen gesammelt und hatte das Bedürfnis einen Überblick über die Fakten zu veröffentlichen. Nicht nur für Fachpublikum. Es läuft so viel schief in dem Bereich, das soll und kann jeder lesen. Ich möchte mit „Pflegeheime am Pranger“ dazu beitragen, dass ein Interesse an der Situation der Menschen entsteht. Jeden betrifft das Altwerden schließlich früher oder später. Die herrschenden Zustände müssen sich einfach ändern.

Was läuft schief in der Pflege?

Der Beruf des Pflegers hat wegen problematischer Arbeitsbedingungen viel zu hohe Aussteigerraten. Die Leute werden in dieser Sparte verheizt. Sie arbeiten wegen der hohen psychischen und körperlichen Belastungen im Durchschnitt nur zwischen sechs und 13 Jahren in diesem Beruf, auch weil er eine Brutstätte für Burnout ist. Aber von der Politik besteht da scheinbar kein Änderungswunsch. Dabei ist die Ausbildung eigentlich zu teuer dafür, dass das Personal so schnell wieder aus dem Beruf ausscheidet. Zumal der Bedarf an Pflegekräften in Zukunft ansteigen wird.

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Und die Alten- und Pflegeheimbewohner müssen darunter leiden...

Das restliche Personal und die Bewohner leiden darunter. Weil die Pflegekräfte so viele Menschen gleichzeitig betreuen müssen, bleibt für den Einzelnen weniger Zeit. Es kann dann passieren, dass Bedürfnisse nicht befriedigt werden können, weil die knappe Zeit ein sorgfältiges Kümmern nicht zulässt. Dabei müsste Pflege möglichst flexibel sein, damit die Bewohner ihren gewohnten Tagesablauf von zuhause weitestgehend fortsetzen können. Aber durch den Fachkräftemangel und zu wenig Planstellen müssen wenig Pfleger zu viele Bewohner in einer gewissen Zeitspanne versorgen. Dann kann es zum Beispiel vorkommen, dass Menschen viel zu früh ins Bett gebracht werden – gleich nach dem Abendessen. Der Grund ist, dass die Pfleger sonst nicht mit ihrem Zeitpensum hinkommen. Sie stehen unter gewaltigem Druck. Zum Glück gibt es die Ehrenamtler. Die sind hilfreich, ändern aber am grundsätzlichen Problem nichts.

Was müsste sich ändern?

Die Pflegeheime brauchen dringend zusätzliches, qualifiziertes Personal. Unqualifizierte Betreuungskräfte helfen da nicht weiter. Das ist ein sozialpolitisches Problem, bei dem jeder einzelne den Vertretern der Landes- und Bundesebene auf die Füße treten sollte. Nur so kann sich vielleicht etwas ändern. Außerdem sollte man die Pflegeversicherung wieder abschaffen und statt des freien Marktes wieder eine vernünftige kommunale Sozialplanung einführen.

Wie kann man einem Aufenthalt im Altenheim vorbeugen?

Es gibt sicherlich kein Patentrezept. Man sollte sich frühzeitig mit der Problematik auseinandersetzen. Dabei kann ein tragfähiges soziales Netzwerk sicher hilfreich sein.

Was sollte man bei der Heimwahl berücksichtigen?

Man sollte auf sein Bauchgefühl hören. Wie ist die Atmosphäre im Heim? Wie gehen die Mitarbeiter mit den Bewohnern um? Und nicht den Zertifikaten im Foyer vertrauen.

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