Schon die Jüngsten haben kaputte Zähne

Karies-Alarm im Kindermund: Zahnärzte schockiert

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Ein Kleinkind mit schwererKaries: In sozialen Brennpunkten kein Einzelfall.

Region Rhein-Main –Zahnärzte schlagen Alarm: Bis zu 15 Prozent der Kleinkinder haben schwere Karies. Schuld sind falsche Ernährung und die Unwissenheit der Eltern – besonders in bildungsfernen Schichten. Von Kristina Bräutigam

Zahnarzt Dr. Arno Scheppat aus Obertshausen. 

Dr. Arno Scheppat befindet sich seit 26 Jahren im Kampf. Sein Gegner: Karies. Sein Einsatzgebiet: Der Kindermund. Rund 15 Prozent der hessischen Kindergartenkinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren haben bereits Karies, in sozialen Brennpunkten sind es fast 35 Prozent. „Das ist zu viel“, sagt Scheppat, Zahnarzt aus Obertshausen und Vorsitzender des Arbeitskreis’ Jugendzahnpflege Stadt und Kreis Offenbach. 282 Kindertagesstätten betreuen er und seine Kollegen, üben das richtige Zähneputzen und schulen pädagogische Fachkräfte. Die gute Nachricht: Dank erfolgreicher Aufklärungsarbeit haben rund 75 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen im Kreis Offenbach gesunde Milchzähne. Die schlechte: Im Kreis Offenbach sind es zwischen zehn und 15 Prozent, die eine schwere Karies mit mehr als vier Löchern haben, in der Stadt Offenbach sogar bis zu 25 Prozent. Tendenz hessenweit: Leicht steigend.

„Frühkindliche Karies ist ein Problem der Herkunft“, sagt die Offenbacher Kinderärztin Nadine Müller. Besonders Kinder aus bildungsfernen Familien haben kaputte Zähne. „Wenn Vater und Mutter keinen Wert auf die eigene Mundhygiene legen, tun sie es auch bei ihrem Kind nicht”, weiß Müller. Viele dieser Eltern wüssten einfach viel zu wenig über gesunde Ernährung und die richtige Pflege der Milchzähne. „Ich muss diesen Eltern erklären, dass Cola nichts in der Trinkflasche zu suchen hat.“

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Allein am Dienstag musste sie sechs Kleinkinder mit der sogenannten Nuckelkaries behandeln, einige Kinder haben Fisteln oder Abszesse. Oft ist das Milchzahngebiss so kaputt, dass eine Sanierung nur unter Vollnarkose möglich ist. Im Schnitt dreimal pro Woche führt Nadine Müller diesen Eingriff durch. Letzte Woche liegt ein Fünfjähriger vor ihr auf dem OP-Tisch: Von 20 Zähnenwar kein einziger gesund, acht sind nicht mehr zu retten, einige werden überkront. „Es schockiert mich, dass die Eltern so spät zu uns kommen“, sagt Müller.

Schuld sei der Glaube, kaputte Milchzähne seien nicht weiter schlimm und fallen irgendwann nd aus. Ein folgenschwerer Irrtum, sagt die Zahnärztin. „Karies im fortgeschrittenen Stadium bereitet den Kindern starke Schmerzen, sie können weder richtig kauen noch beißen.“ Weil sich die bleibenden Zähne durch den frühen Verlust der Milchzähne verschieben, droht später eine Behandlung beim Kieferorthopäden.

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Auch dass Kinder mit unbehandelten Löchern in den Milchzähnen lebenslang ein erhöhtes Kariesrisiko haben, wüssten viele Eltern ebenfalls nicht, sagt Arno Scheppat. Doch er kommt oft zu spät. Zwar sollten Kinder ab dem ersten Zahn zweimal jährlich den Zahnarzt besuchen. Viele Kinder kommen jedoch erst im Alter von drei Jahren in seine Praxis, wenn die Zähne schon schwarz sind. „Ich wünsche mir, dass die Kinder mit gesunden Zähnen kommen. Dann lernen sie, dass der Zahnarztbesuch nichts Schlimmes ist. Und kommen auch gerne wieder.“

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