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Fahrlehrer schlagen Alarm: Fahrschüler immer unmotivierter

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Der Führerschein ist für viele nur noch lästige Pflichtaufgabe.

Region Rhein-Main - Früher der Eintritt in die grenzenlose Freiheit auf der Straße, jetzt nur noch lästige Pflichtaufgabe? Fahrlehrer aus der Region stellen fest, dass ihre Schüler immer unmotivierter sind und nennen die Gründe. Von Oliver Haas

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Junge Leute brauchen heute durchschnittlich viel länger, um das Plastikkärtchen zur Fahrerlaubnis, ehemals rosa Lappen, in den Händen zu halten. Waren vor 20 Jahren noch weniger als 25 Fahrstunden nötig, so liegt der Schnitt heute bei 33 Stunden, bis sich Fahrschüler zur Prüfung anmelden können. Norbert Schlichting, Fahrlehrer und Besitzer von zwei Fahrschulen in Offenbach, stellt fest, dass viele Fahrschüler heute unmotivierter als früher an die Ausbildung rangehen. „Durch das gute Netz im öffentlichen Straßenverkehr mit Bussen und Bahnen haben viele nicht das große Verlangen, den Führerschein zu machen.“ Außerdem habe die heutige Generation immer mehr um die Ohren und viel Druck in der Schule, was den Prozess der Führerschein-Ausbildung in die Länge ziehe.

Die fehlende Motivation sieht Schlichting aber auch in der heutigen „Smartphone-Generation“ begründet, in der alles immer schnell mit einem Wisch oder Klick erledigt werden müsse. „Viele junge Menschen haben heute kein Geduld mehr. Es muss immer alles sehr schnell gehen.“

Unterschied zwischen Stadt und Land

Rolf Wernicke, seit 20 Jahren Fahrlehrer bei der Fahrschule Dorsheimer in Frankfurt, kann das Phänomen einer stark veränderten Fahrschüler-Generation bestätigen: „Es ist auch definitiv so, dass die psychomotorischen Fähigkeiten der heutigen Generation nachgelassen haben.“ Dies mache sich bemerkbar, wenn junge Menschen das Autofahren lernen sollen. Es dauert länger als früher, bis die Abläufe zwischen Kupplung treten, Gang schalten und Gas geben verinnerlicht werden. Auch sei es früher viel öfter der Fall gewesen, dass bereits vor der ersten Fahrstunde etwa mit dem älteren Bruder oder Freund auf einem Parkplatz heimlich gefahren wurde.

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„Wenn jemand heute vor die Wahl Führerschein oder I-Phone gestellt würde, wäre ich mir sicher, was die Antwort wäre“, sagt Wernicke und tippt auf das Telefon. Die Interessenlage der heutigen Generation sei einfach anders. „Es gibt natürlich einen Unterschied zwischen Land und Stadt. Auf dem Land haben die jungen Leute eher den Wunsch, endlich den Führerschein zu machen.“ In der Stadt seien neben der besseren Verkehrsanbindung auch zahlreiche Mitfahrer-Apps für viele eine Alternative zum eigenen Führerschein.

Lothar Toepper, Vorsitzender vom Landesverband der hessischen Fahrlehrer, sieht vor allem das vermehrte Verkehrsaufkommen als Grund, weshalb Fahrschüler heute länger brauchen als früher: „Alleine wenn man sich die Zahlen am Frankfurter Kreuz anschaut, wird dies deutlich. Mitte der 70er Jahre sind dort 156.000 Autos täglich gefahren und heute sind es mit 310.000 fast doppelt so viele.“ Aufgrund der veränderten Verkehrssituation sei es völlig normal, dass mehr Fahrstunden benötigt werden.

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Markus Leinberger, Fahrlehrer bei der Fahrschule Hochtaunus in Königstein, nennt als einen der Gründe für die oft fehlende Führerschein-Lust überfürsorgliche Eltern, auch Helikopter-Eltern genannt. Wenn jungen Menschen immer alles abgenommen werde, fehle eine gewisse Selbständigkeit, sagt der Fahrlehrer. Es verwundere dann nicht, wenn die Fahrschüler bei den Fahrstunden überfordert sind oder nicht mit dem nötigen Ernst an die Sache ran gehen.

„Es fängt ja schon damit an, dass manche Eltern die Fahrstunden vereinbaren. Wobei das ja eigentlich Sache des Fahrschülers wäre. Da fehlt dann einfach für die Schüler der eigene Bezug. Und vielen ist es eben egal, wie lange sie dafür brauchen“, sagt Leinberger.

Dass die heutige Generation länger braucht, weil sie respektloser sei und sich nichts sagen lasse, kann Leinberger so nicht bestätigen: „Wichtig ist immer eine gute Vertrauensbasis zwischen Fahrlehrer und -schüler. Wenn die gegeben ist, gibt es weniger Probleme und der Schüler lernt viel schneller.“

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