Synchronsprecher Martin Kessler über groteske Studio-Bedingungen

„Die Angst vor Raubkopien ist richtig hysterisch geworden“

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Martin Kessler leiht seine Stimme Hollywood-Stars wie Vin Diesel und Nicolas Cage - doch die Bedingungen werden immer schlimmer. 

Actionfilm-Fans ist seine Stimme vertraut. Martin Kessler ist der Synchronsprecher von Vin Diesel und Nicolas Cage. Er erzählt, wie schwer es ist, Diesel zu sprechen und ärgert sich über groteske Bedingungen in den Synchronstudios. Von Oliver Haas

Sie sind die coole deutsche Stimme von Nicolas Cage und Vin Diesel. Wären Sie gerne mal weniger cool?

Cage ist ja eher der melancholische Typ. Ich weiß gar nicht, woher das Etikett kommt, dass der so cool sein soll. Ich finde den nicht cool und ich finde mich, so wie ich ihn spreche, auch nicht cool. Aber das Etikett ist drauf und das kriegt man wohl nicht mehr ab. Vin Diesel ist natürlich cool. Wobei er auch anders kann. Ich habe mal mit ihm einen Film gemacht, in dem er einen cleveren Gangster spielte, der sich vor Gericht selbst verteidigte. Da hat man gemerkt, dass Vin Diesel auch andere Rollen beherrscht. Aber das Image ist das Image und damit verdient man Geld. So sind die Gesetze von Hollywood. Den möchte jetzt keiner mehr als Sensibelchen sehen.

Welche Sprechrolle machte Ihnen bisher am meisten Spaß?

Das war dieser kleine Giftzwerg Dr. Romano aus der Serie Emergency Room. Der hat rasend schnell gesprochen und medizinisches Fachchinesisch gewürzt mit Bösartigkeiten von sich gegeben. Das machte Spaß!

Schauen Sie sich die Filme, die sie selbst synchronisiert haben, im Kino an?

Nein. Niemals! Wenn ich etwas gemacht habe, dann gucke ich es mir nie wieder an, weil ich nie zufrieden bin. Das tu´ ich mir nicht an. Ich weiß nicht, ob man von Perfektionismus sprechen muss, das klingt immer so angstbesetzt. Aber ich möchte es immer so gut wie möglich machen.

Welche Filmsprechrolle war bislang am schwersten?

Vin Diesel ist immer sehr schwer zu synchronisieren. Das ist aber rein physisch, weil ich so eine tiefe Stimme normalerweise nicht habe. Die muss ich erst herstellen und das ist sehr anstrengend, damit es dann frei und nicht gepresst klingt. Bei Vin Diesel ist es so, dass ich möglichst leise sprechen muss. Wobei man das laut auch gar nicht hin bekommt. Denn je mehr Druck drauf kommt, desto schneller schwingen die Stimmbänder und dann erreicht man diese tiefe Stimme überhaupt nicht. Und im Grunde macht er das selbst im Original auch so. Der hat ja sein Mikro sonstwo sitzen. Wenn er laut ist, dann hat er zwar immer noch eine Wahnsinnstiefe, aber schon gar nicht diese Tiefe, die dann im Film so super klingt. Und das versuche ich hin zu kriegen. Dann flattern die Stimmbänder mehr oder weniger. Das ist dann nicht geschützt und immer eine etwas kitzlige Angelegenheit. Aber bislang ist immer alles gut gegangen.

Wie lang stehen Sie im Studio für einen 90-Minuten-Film?

Das ist ganz unterschiedlich. In manchen Blockbustern quatscht der Held nicht viel. Vin Diesel hält keine großen Reden ans Volk und geht auch nicht ins philosophische Seminar. Da ist es in der Regel in zwei oder maximal drei Tagen erledigt. Aber bei den früheren Actionfilmen von Cage wurde schon viel gequatscht. Da ist man ein paar Tage mehr damit beschäftigt.

Wie hat sich durch die Angst vor Raubkopien Ihre Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Die Angst davor ist richtig hysterisch geworden. Die Aufnahmen sind teilweise so, dass nur ein heller Kreis die Münder zeigt. Und die Münder sagen mir gar nichts. Ich brauche den Ausdruck über die Augen der Schauspieler und die kriegt man nicht mehr zu sehen. Das macht keinen Spaß mehr. Man darf nicht vergessen: Wir plappern das ja nicht einfach nur nach wie ein Papagei. Es ist letztlich eine Umsetzung mit unserer Persönlichkeit und nicht nur eine Kopie. Wir Synchronsprecher haben uns schon alle daran gewöhnt, dass Schrägstreifen durchs Bild laufen, alles verkrisselt oder in schwarz-weiß ist und dass man wenig erkennt, aber immerhin ein bisschen was. Aber diese Form der Sicherung ist völlig bescheuert. Es reicht, wenn man es kennzeichnet mit schrägen Streifen und Wasserzeichen. Aber bitte lasst uns den Schauspieler und das komplette Bild sehen!

Sie sind ab dem 5. Juli in der Multimedia-Ausstellung „Faces Behind The Voices“ in Frankfurt zu sehen und zu hören. Was halten Sie von dieser Aktion?

Ich finde das ein super Projekt von Marco Schöler. Das ist irre, mit welcher Energie er da die Leute bequatscht haben muss, um diese Wanderausstellung auf die Beine zu stellen. Diese Fotos sind grandios geworden.

Wie wichtig ist es, dass die Zuschauer zu den jahrelang vertrauten Stimmen ihrer Hollywood-Lieblinge auch die Gesichter und Namen der deutschen Stimmen kennen?

Einerseits finde ich es sehr gut, dass wir ein wenig bekannter werden. Andererseits weiß ich nicht, inwieweit das dann für den Zuschauer die Illusion etwas zerstören könnte. Vielen meiner Freunden geht es so, die dann sagen: „Das kann ich mir nicht mehr anhören, jetzt weiß ich, dass du das bist und du bist ja ganz anders.“

Hat man Sie schon mal an der Stimme erkannt?

Öfter als mir lieb ist. Ich kann mich leider nicht so gut mit der Stimme verstecken. Die kurioseste Begegnung war bisher an einer Tankstelle in Berlin. Als ich bezahlen wollte, standen drei vom Personal hinter der Kasse. Die haben sich gerade über „The Fast and the Furious“ unterhalten. Plötzlich schrie einer in meine Richtung: „Dat isser, dat isser: Sach mal wat!“ Da dachte ich mir auch nur: Das muss jetzt nicht sein. Aber okay, das kam so spontan und aus der Verblüffung heraus. Und jut, dat ist Berlin.

„Faces Behind The Voices“ kommt nach Frankfurt

Vom 5. bis 13 Juli macht die Wanderausstellung „Faces Behind The Voices“ am Frankfurter Hauptbahnhof Halt. Dort werden 30 bekannte Synchronsprecher von Fotograf Marco Justus Schöler porträtiert. 

Der EXTRA TIPP hat vorab drei darum gebeten, ein paar Sätze in einer ihrer bekannten Hollywoodrollen zu sprechen – mit einem Schuss hessischem Lokalkolorit. Erkennen Sie, welche Filmhelden im Clip zu hören sind? 

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