Nicht nur Kinder machen Sorgen

Immer weniger gute Schwimmer: DLRG-Experte im Interview

+
Zu viele Kinder können nicht sicher schwimmen.

Region Rhein-Main - Thorsten Reus ist Vorsitzender der DLRG Hessen. Er moniert nicht nur die Schwimmfähigkeit vieler Kinder – auch das Verhalten der Kommunen macht ihm Sorgen. Und dann gibt’s eine Gruppe, die Probleme bereitet. Von Axel Grysczyk

So ein mäßiger Sommer wie bisher der 2016er: Hilft der Ihnen, weil es dann weniger Badeunfälle gibt?

Badeunfälle sind Saisongeschäft. Wenn weniger Menschen schwimmen gehen, passieren auch weniger Unfälle. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass wenn’s wärmer wird und die Leute vermehrt ins Freibad gehen, dort wenig passiert. In Hessens Schwimmbädern passiert kaum ein Ertrinkungsunfall. In Hessen sind im vergangenen Jahr 24 Menschen ertrunken, 90 Prozent davon in Flüssen und Seen.

Aber auch wenn’s in Schwimmbädern sicher ist, bemängeln Sie, dass viele Kinder nicht schwimmen können.

Wir haben eine Forsa-Umfrage in Auftrag gegeben. Da kam heraus, dass jedes dritte Kind nach dem Verlassen der Grundschule kein sicherer Schwimmer ist.

Wer schwimmt denn sicher?

Sicherer Schwimmer ist jemand, der den Freischwimmer oder heutzutage das Deutsche Jugendschwimmabzeichen Bronze hat. Das Seepferdchen ist nur eine Hinführung zum Schwimmen. Da müssen Schulen und Verbände darauf hinarbeiten, dass jeder ein sicherer Schwimmer ist.

Ist das immer die Aufgabe der Schule?

Nein. Die DLRG hat im vergangenen Jahr in Hessen rund 12.000 Kinder im Schwimmen ausgebildet und fast 10.000 Schwimmabzeichen abgenommen. Und auch in der Schule wird viel gemacht, der Schwimmverband engagiert sich stark, Eltern leisten auch ihren Beitrag...

… aber es muss sich doch etwas ändern, wenn Sie sagen, dass zu viele Kinder nicht sicher schwimmen können.

Grundsätzlich muss mehr Zeit investiert werden. Dazu kommt, dass die Kinder früher andere Voraussetzungen hatten: Da wurde auf der Wiese gebolzt, auf den Baum geklettert und mit Fahrrad abends wieder heim gedüst. Heutzutage bewegen sich die Kinder immer weniger. Dadurch fehlt viel spielerisch erworbene Grundlagenausdauer.

Das ist das Hauptproblem?

Ein ganz wichtiges Thema ist die Bäderproblematik. Wir kämpfen dafür, dass die Schwimmbäder, die wir haben, erhalten werden. Ohne Schwimmbad können wir keine Schwimmer ausbilden. Und wir kämpfen auch für Zeiten in den Bädern. Für einen Schwimmkurs braucht man einige Quadratmeter Schwimmfläche und das nehmen Schwimmanfänger den anderen Badegästen weg, die dafür Eintritt gezahlt haben. Außerdem ist es häufig laut und unruhig im Becken. Da muss der Betreiber abwägen: Morgens sind die Schulklassen da, dann kommen die Vereine und zum Schluss noch der Schwimmkurs – das wird einigen zu viel. Sie wollen schließlich auch Geld verdienen.

Das würde bedeuten, dass es früher – als es noch gar nicht so viele Hallenbäder gab – mit der Schwimmfähigkeit auch nicht zum Besten stand.

Schwer zu beurteilen, wie viele Menschen früher wirklich schwimmen konnten. Die Abfrage der Schwimmfähigkeit fängt erst 2003 an, seit dem haben wir verlässliche Zahlen. Unser Ziel ist es, dass der Schulschwimmunterricht am Morgen in den Schulen angeboten wird. Es gibt viele Lehrer, die sich sehr viel Mühe geben. Das Problem: In einigen Schulen gehen fünf Lehrer mit 30 Kindern schwimmen und in anderen Einrichtungen geht ein Lehrer mit 20 Kindern.

Was glauben Sie, wie wird sich die Situation bei den Schwimmdefiziten durch die Flüchtlingskinder verändern?

Da kann ich noch nicht so viel zu sagen. Bei uns in der Statistik wird nur erfasst, wer schwimmen lernen will, nicht ob er geflüchtet ist oder nicht. Und auch wenn einer zu ertrinken droht, fragt die DLRG nicht, ob er Flüchtling ist oder welche Religion er hat. Wir retten die Person. Klar, es gab bei einigen unserer Angebote zuletzt verstärkten Zulauf, der auch auf Flüchtlingskinder zurückzuführen sein kann. Aber es gibt auch genug Flüchtlingskinder, die bereits sehr gut schwimmen können.

In welchem Alter sollten Kinder denn sicher schwimmen können?

Wenn das Kind so um die sechs Jahre alt ist, sollte ein Schwimmkurs schon mal ins Auge gefasst werden. Spätesten wenn die Kinder die Grundschule verlassen haben, sollten sie sicher schwimmen können.

Mit Windeln ins Wasser - So wird Babyschwimmen zum Spaß

Welche Auswirkungen hat das für die DLRG, wenn immer weniger Kinder schwimmen können?

Wir machen die Schwimmausbildung, die Rettungsschwimmerausbildung, den Wasserrettungsdienst mit 92 Wasserrettungsstationen in Hessen und den Katastrophenschutz. Auch wir waren in diesem Frühsommer in den Hochwassergebieten im Einsatz. Und das alles setzt voraus, dass jeder der Rettungsschwimmer auch Schwimmer ist. Wir brauchen den Nachwuchs. Und für deren Ausbildung benötigen wir auch wieder die Schwimmbäder. Die Kommunen und Badbetreiber sollten bedenken: Die Schwimmanfänger von heute sind die Badegäste von morgen. Wenn irgendwann immer weniger schwimmen können, brauchen wir keine Schwimmbäder mehr.

Machen Ihnen also die Kinder mit den Schwimmdefiziten die größten Sorgen?

Es sind nicht mehr die Kinder. Jeder zweite Ertrinkungstote in Deutschland ist 50 Jahre und älter.

Das hängt aber mit Vorerkrankungen zusammen?

Nein. Ältere Schwimmer haben häufig noch autodidaktisch in Flüssen und Seen schwimmen gelernt. Mit modernen Bädern mit Kassenautomat und Chipbändern am Arm haben diese Schwimmer weniger Erfahrung. Dadurch sind sie häufig nicht mehr regelmäßig ins Schwimmbad gegangen und gleichzeitig hat die Muskulatur bei 60- oder 70-Jährigen altersbedingt abgebaut. Doch das Angebot und die Möglichkeiten auf dem Wasser – beim Tauchen, Segeln oder Schlauchbootfahren – haben zugenommen. Auch gehen viele Ältere gerne dahin, wo sie schon immer schwimmen waren. Jetzt sind sie aber nicht mehr so fit oder bekommen einen Krampf. Die meisten tödlichen Badeunfälle in Seen passieren 20 bis 30 Meter vom Ufer entfernt. Diese Strecke hatten sie früher noch spielend geschafft.

Lesen Sie auch: DLRG befürchtet viele Badeunfälle mit Flüchtlingen

Wie werde ich...? Bademeister

Keine Neuigkeiten und Gewinnspiele mehr verpassen? Dann einfach EXTRA TIPP-Fan auf Facebook werden!

Mehr zum Thema

Kommentare