„Manche Krisen im Leben sind ein echtes Geschenk“

Hofheimerin spricht offen über Angst-Störung, um Mut zu machen

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Während des Fotografierens setzt bei Sandra Diepenbrock wieder eine leichte Angst vor dem Zittern beim Festhalten des Glases ein. „Aber ich meistere das und stehe dazu“, sagt sie. 

Hofheim – Während des Studiums ging es bei Sandra Diepenbrock plötzlich los: Sie stand im Supermarkt, fing an zu zittern, bekam Panik. Aus dem Nichts kam die Angst-Störung, die immer schlimmer wurde. Wie sie heute damit lebt und was sie Betroffenen rät, erzählt sie im EXTRA TIPP. Von Janine Drusche

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„Eigentlich lief bei mir alles gut. Ich habe BWL studiert, auch ein bisschen Geld geerbt, so dass ich keine finanziellen Nöte hatte. Ich hatte einen neuen Freund und eine schöne WG“, erinnert sich Sandra Diepenbrock. Doch eines Tages beim Einkauf im Supermarkt verändert sich das Leben der Studentin komplett: „Es hat sich zuerst angefühlt wie ein leichter Kater. Dann kamen Herzrasen und Zittern dazu.“ Das Einzige, was dem jungen Mädchen dabei durch den Kopf geht, ist die Frage danach, was die Menschen um sie herum währenddessen über sie denken. „Das war mir alles so peinlich. Es hat so weit geführt, dass ich den Einkaufswagen stehen lassen habe und geflüchtet bin“, sagt die Hofheimerin.

Zunächst schiebt Sandra Diepenbrock die Panik-Attacke auf den wenigen Schlaf in der Nacht zuvor, zuviel Alkohol, die vorangegangene Klausur und den anstrengenden Nebenjob. Doch die Angst kommt wieder. „Ich habe das dann häufiger gehabt. Es wurde immer mehr: Beim Bäcker, in der Apotheke, der Bank oder beim Tanken“, sagt die heute 46-Jährige. „Es hat sich angefühlt, als ob ich Parkinson hätte, weil ich vor Angst so stark zittern musste.“ Die Gedanken der jungen Frau kreisen. Sie traut sich kaum noch, ihr Geld zum Bezahlen aus dem Portemonnaie zu nehmen. Zu groß ist die Angst, Münzen oder Bankkarten könnten herunterfallen. 

Dann kam die Angst vor der Angst dazu 

„Ich hatte Panik, die Leute könnten sehen, dass ich nicht perfekt bin. Das war mir alles so peinlich und die Beklemmung wurde immer größer. Und dann kam noch die Angst vor der Angst dazu“, sagt Diepenbrock. Nach einem halben Jahr traut sie sich kaum noch aus dem Haus. Die Studentin beginnt eine Therapie. „Es war eine große Überwindung, hat aber nicht geholfen“, erinnert sich die Ex-Frankfurterin. Rund drei Jahre geht sie zur Behandlung, verfällt irgendwann auch noch in Depressionen. Diepenbrock wird in eine Klinik eingewiesen.

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„Es war so schön da. Ich hab’ dort ein neues Zuhause gefunden und wollte gar nicht mehr weg“, sagt die Angst-Patientin. Sie lernt während des Aufenthalts mit ihren sogenannten „automatisierten Verhaltensweisen“ besser umzugehen, analysiert ihre Gefühle in Verbindung mit ihren Gedanken. Die zweifache Mutter lernt, dass sich vieles im Hinterkopf abspielt. In der Verhaltenstherapie erkennt Diepenbrock schließlich: Wenn das Angstgefühl anfängt, muss unbewusst ein negativer Gedanke vorangegangen sein. Der muss hinterfragt und aus dem Weg geschafft werden.

Beinprothese im Gehirn, die erneuert werden muss

„In den meisten Fällen klappt das auch, dann sind die Krisen ein echtes Geschenk, weil sie geholfen haben, die Angst zu beseitigen“, sagt sie. „Aber ich habe eine Krankheit im Kopf, die nicht heilbar ist. Das ist wie eine Beinprothese, nur dass meine im Gehirn sitzt und immer wieder saniert werden muss.“ Dazu macht die Hofheimerin regelmäßig Yoga, geht zu Coachings, beschäftigt sich mit themenbezogenen Büchern: „Das hilft, das Leben auch mit Gehirn-Prothese zu meistern.“ 

Körper außer Kontrolle: Leben mit Tics

Weil sie den Mut an andere weitergeben möchte, hat Diepenbrock reale Krisen-Geschichten gesammelt und aufgeschrieben: „Von Menschen, die Probleme überstanden haben, um zu zeigen: Am Ende wird alles gut, auch wenn man die Krise erst bewältigen muss“, sagt die Autorin. Auch möchte sie Betroffene animieren, Therapien zu machen: „Es ist nicht peinlich. Man lernt einfach nur, was man verpasst oder falsch gelernt hat, wie ein Schulfach namens Leben.“ Es gelte, die Ticks anzunehmen, dazu zu stehen und die Prothese im Kopf sichtbar zu machen, sagt die Hofheimerin selbstbewusst.

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