Trotz 100-Millionen-Euro-Hilfe für Milchbauern bleibt’s schwierig

Milchkönigin im Interview: „Wir brauchen mehr Akzeptanz“

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Svenja Löw mit einem wenige Tage alten Kälbchen im Extra-Stall für den Nachwuchs. Für ihre Tiere ist sie rund um die Uhr da, sagt sie. 

Svenja Löw war zwei Jahre lang Milchkönigin und hat bei über 150 Terminen für die heimische Milch geworben. Die 24-Jährige bewirtschaftet ihren eigenen Hof in Rodgau-Jügesheim mit 140 Milchkühen. Sie ist sich sicher: Auch Subventionen sind nicht die Lösung. Von Axel Grysczyk

Mindestens 100 Millionen Euro Soforthilfe für die Milchbauern durch die Bundesregierung. Zufrieden?

Es bleibt jetzt abzuwarten, was die Milchbauern nachweisen müssen, um an die Förderungen zu gelangen. Es ist nicht das erste Mal, dass Unterstützung angeboten wurde. Meistens sind diese Unterstützungen in Form von Darlehen an hohe Auflagen gebunden. Es gab auch Angebote, da passte die Laufzeit der Darlehen mit der Wirklichkeit der Betriebe nicht zusammen. Würde jetzt bei dieser Soforthilfe jeder Betrieb eine Förderung beantragen, wären es 1300 Euro pro Betrieb. Eins steht sowieso fest: Es ist eine Unmenge an Papierkram.

Was müsste denn grundsätzlich für die Milchbauern in Hessen besser werden?

Die Akzeptanz der Landwirtschaft muss besser werden. Wir müssen weg von der Billigmilch, der Verbraucher soll zum Markenprodukt greifen. Das Beste: Auf Regionalität achten, indem man auf die Hersteller-Nummer schaut.

Bei vielen Bauern kann der Kunde doch gar keine Milch kaufen, weil alles an die Molkereien geht.

Unser Betrieb liefert auch an die Molkerei. Aber es gibt zahlreiche Milchtankstellen und Milchautomaten, an denen man 24 Stunden Milch kaufen kann. Einfach beim Bauer nachfragen oder im Internet nachschauen.

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Der Kunde entscheidet allein?

Klar, greift der Verbraucher nur zur Billigmilch, ändert sich nichts. Ähnlich ist es beim Fleisch: Lieber beim örtlichen Metzger kaufen.

Und von politischer Seite: Was würden Sie dem Landwirtschaftsminister sagen, wenn er auf Ihrem Hof auftaucht?

Er muss mit dem Einzelhandel sprechen. Der Einzelhandel hat eine sehr große Macht gegenüber Molkereien und Bauern. Denn auf der einen Seite soll die heimische Landwirtschaft erhalten werden, auf der andere Seite gibt es sehr hohe Auflagen und die damit entstehenden Kosten sind kaum von Familienbetrieben zu stemmen. Irgendwann kommt dann die Milch aus dem Ausland, weil’s billiger ist. Nur dann kann niemand mehr einwirken. Das wäre ärgerlich, denn wir in Deutschland haben die beste Qualität und die höchsten Standards. Und ich würde ihm noch was sagen: Manche Kontrollen und Auflagen sollte er mal überdenken.

Was bekommen Sie denn aktuell für den Liter Milch?

Der Grundpreis liegt bei 21 Cent. Letztendlich bringen da die Subventionen auch nichts, die können die Verluste schon lange nicht mehr auffangen. Es geht generell um faire Preise für die Landwirtschaft, sei es für die Milch, das Getreide oder für Schweine- oder Rindfleisch.

Viele Lebensmittel werden billiger. Mit dem gesparten Geld können sich die Deutschen Mallorca-Urlaube und tolle Autos leisten. Eigentlich geht dieser Wohlstand zu Ihren Lasten.

Sicher, wenn man überlegt, was für Urlaube oder Handys ausgegeben wird. In den 70er Jahren haben die Menschen noch bis zu 40 Prozent des Durchschnittseinkommens für Lebensmittel ausgegeben, heute sind es noch zehn bis 15 Prozent. Und das alles bei höchsten Standards und hoher Qualität in der deutschen Landwirtschaft. Es gibt stets Forderungen nach mehr Tierwohl, die landwirtschaftliche Fläche wird immer weniger, die Städte werden größer und wir sind dadurch gezwungen auf immer weniger Fläche immer mehr anzubauen – das ist nicht leicht.

Wie sieht denn dann der Milchbauer-Traum aus?

Das man überleben kann. Ich würde mich freuen, wenn die Familie entlastet wird. Ich arbeite am Tag zehn bis zwölf Stunden und das fast sieben Tage die Woche. In der Erntezeit kann es mehr sein. Auch wenn’s im Winter ein bisschen weniger ist: Für meine Tiere bin ich rund um die Uhr da.

Viele Verbraucher tendieren aus verschiedenen Gründen sowieso zu pflanzlicher Ersatzmilch, wie Soja- oder Reismilch. Wäre das nicht besser?

Jeder soll das so handhaben wie er gern möchte. Aber es ist nicht das Gesündeste, wenn man liest, wie viel Schritte nötig sind, bis diese Produkte fertig sind. Ich persönlich möchte solche Lebensmittel nicht konsumieren. Wenn wir ein Rind schlachten, weiß ich, woher es kommt. Natürlich gibt es in jeder Berufsbranche schwarze Schafe, aber die Inhaber solcher Betriebe sehe ich auch nicht als meine Kollegen an. Häufig sind es die Medien, die gerade bei Tierhaltung emotionalisieren und nur die Extreme zeigen. Aber so ist es nicht generell in der Landwirtschaft.

Jetzt waren Sie zwei Jahre lang hessische Milchkönigin. Hat das unter den Rahmenbedingungen eigentlich noch Spaß gemacht?

Es macht Spaß. Allein schon um die Menschen aufzuklären, woher die Milch kommt, was alles dazu gehört und wie viel Arbeit und Qualität drin steckt. Manche hatten schon einen Aha-Effekt und erkannt, dass sie mit ihren Kaufverhalten etwas ändern können. Es geht mir auch um die Kinder, die oftmals gar nicht mehr mitbekommen, wie Landwirtschaft funktioniert und wo ihre Lebensmittel herkommen.

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